Neues aus Sportdeutschland

„Die Kombination aus Zuschauen und Mitmachen ist etwas Wunderbares“

Der Sommer ist für Fabian Wegmann die intensivste Jahreszeit. Als Experte für die ARD war er in den vergangenen drei Wochen bei der Tour de France unterwegs, als Renndirektor der ADAC Cyclassics in Hamburg und der Deutschland-Tour stehen im August große Veranstaltungen in der Heimat an. Doch der 45-Jährige geht alle Herausforderungen mit Gelassenheit an, schließlich liebt er den Radsport. Über diese Leidenschaft haben wir mit ihm gesprochen.

DOSB: Fabian, du bist in den vergangenen Wochen bei der Tour de France sehr viel in Frankreich unterwegs gewesen und hast den Hype, der um Florian Lipowitz entstanden ist, aus der Ferne miterlebt. Wie beurteilst du, was seine grandiose Leistung für den Radsport in Deutschland bewirken kann?

Fabian Wegmann: Zunächst möchte ich feststellen, dass wir schon in den vergangenen Jahren beobachtet haben, dass immer mehr deutsche Fans in Frankreich waren. In diesem Jahr war noch einmal ein deutlicher Anstieg zu beobachten, und der liegt nicht primär an Florian, denn einen Besuch bei der Tour plant man ja nicht mal eben spontan. Dennoch bin natürlich auch ich maximal begeistert von seiner Leistung und hoffe, dass sie noch einmal einen weiteren Aufschwung für unseren Sport bringt. Wir beobachten seit Jahren auch bei den Jedermann-Rennen einen Anstieg der Teilnehmenden-Zahlen, und wenn dann einer bei den größten Rennen vorn mitfährt, steigt das Radsport-Fieber noch einmal an.

Was traust du Florian Lipowitz mittelfristig zu? Müssen wir aufpassen, nicht zu euphorisch zu sein?

Grundsätzlich ist eine gewisse Zurückhaltung nie verkehrt, wir hatten vor sechs Jahren, als er Vierter der Tour geworden ist, schon einmal einen ähnlichen Hype um Emanuel Buchmann, der dann von seinem schweren Sturz zurückgeworfen wurde und gerade ein wenig um den Anschluss kämpft. Aber wenn Florian gesund bleibt, dann kann er sich als Top-fünf-Kandidat etablieren und auch Großes gewinnen. Man darf nicht vergessen, dass er erst 24 Jahre alt und seit drei Jahren Profi ist und nicht aus dem Radsport, sondern aus dem Biathlon kommt. Sein großes Potenzial hat er schon mit Platz sieben bei der Vuelta im vergangenen Jahr gezeigt, er war dieses Jahr Zweiter bei Paris-Nizza und Dritter bei der Dauphiné. Zu Vingegaard und Pogacar ist es noch ein Stück, aber die werden auch nicht ewig auf diesem Niveau fahren.

Täuscht der Eindruck, oder ist die Zeit, in der in Deutschland im Radsport vor allem über die Dopingproblematik gesprochen wurde, vorbei und die Leistungen, die die Sportlerinnen und Sportler erbringen, stehen wieder mehr im Mittelpunkt?

Ich teile diesen Eindruck. Mein Gefühl ist, dass die Menschen die vielen Anstrengungen honorieren, die der Radsport in der Bekämpfung des Dopings unternommen hat, wie die Einführung des Blutpasses oder die frühzeitigen Verbote von Mitteln, noch bevor diese auf der NADA-Liste auftauchen. Wir müssen realistisch sein: Es wird niemals den komplett sauberen Sport geben, weder im Radsport noch anderswo. Es gibt im Sport und in der Gesellschaft immer schwarze Schafe. Einzelfälle sind nie auszuschließen. Aber ein Team, das durch die Bank weg dopt, gibt es nicht mehr, davon bin ich überzeugt. Ich finde auch, dass der Radsport mit dem Thema mittlerweile sehr transparent umgeht. Und ich bin überzeugt, dass die Fans die Leistungen, die die Fahrer bringen, zu würdigen wissen. Wer sich, so wie es auch in diesem Jahr zu Tausenden der Fall war, selbst den Mont Ventoux auf dem Rad hinaufquält und dann sieht, in welchem Tempo die Profis mit schon zwei Wochen voller harter Etappen in den Beinen hinaufrasen, der kann dafür nur Anerkennung empfinden.

Sprechen wir also über den Radsport-Boom in Deutschland. Begonnen hat dieser während der Pandemie. Ist der Radsport ein Corona-Gewinner?

Zumindest lässt sich feststellen, dass die Zahlen seitdem deutlich ansteigen. Ich denke, fast jeder konnte das in seinem Freundeskreis beobachten, dass viele von Sportarten, die sie auf einmal nicht mehr ausüben durften, aufs Rad umgestiegen sind. Das zeigt sich nicht nur an den Verkaufszahlen, die die Industrie aufweisen konnte, sondern auch an wachsenden Mitgliedsbeständen. In meinem Verein hatten wir vor Corona rund 160 Mitglieder und haben 30 bis 35 Lizenzen für die Teilnahme an Rennen ausgegeben. Dieses Jahr liegen wir bei 300 Mitgliedern und 90 Lizenzen. Vor allem der Anteil der Frauen ist überproportional gewachsen. Ich bin in meiner Heimat Münster Mitorganisator des kleinen Rennens „Rund um die Marktallee“. Als wir vor ein paar Jahren starteten, hatten wir acht Frauen dabei. Dieses Jahr sind es schon 38 und 50 Männer, da ist schon fast Geschlechterparität erreicht. Vor Corona gab es sonntags eine Hobbygruppe, die gemeinsame Touren angeboten hat. Heute kann man jeden Abend fünf, sechs solcher Gruppen finden. Da ist wirklich sehr viel passiert.

Das Eine ist, während der Pandemie mit dem Radfahren zu beginnen, weil es kaum Alternativen gab. Das Andere, dann auch dabei zu bleiben. Was sind aus deiner Sicht die Vorzüge, die Menschen im Radsport halten?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der auf ein Rennrad steigt und eine Tour fährt, sehr schnell spürt, wie schön das ist. Im Vergleich zum Joggen, das ja ebenfalls boomt, hat man einen deutlich größeren Radius. Wenn ich eine Stunde laufe, was in etwa der Belastung von zwei Stunden schnellem Radfahren entspricht, schaffe ich als Hobbyläufer zehn, vielleicht zwölf Kilometer. Auf dem Rad sind 50 bis 60 Kilometer kein Problem, dadurch sieht man viel mehr von der Umgebung. Und ich glaube, dass auch die Bekleidung eine Rolle spielt. Früher waren Radsport-Klamotten furchtbar bunt, man konnte als Highlight vielleicht ein Team-Trikot kaufen, das war es auch schon. Heute gibt es sehr stylische Funktionskleidung, was insbesondere Frauen zu schätzen wissen.

Olympia-Blues ist ausgestanden, die Heim-EM kann kommen

Gespräche mit Nils Ehlers und Clemens Wickler zählen zu den angenehmen Dingen des Lebens. Nicht nur, weil Deutschlands bestes Beachvolleyball-Duo allürenfrei, eloquent, höflich und dabei immer mit einer angemessen Portion Schalk im Nacken daherkommt. Sondern auch, weil Ausreden für sie auf dem Index stehen und stattdessen schonungslos ehrliche Selbstkritik Programm ist. Wer sich also darüber wundert, dass die Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Paris 2024 in die Heim-EM, zu der von diesem Mittwoch bis Sonntag in Düsseldorf aufgeschlagen wird, „ohne Erwartungen starten“, bekommt die Begründung dazu sofort mitgeliefert.

„Wir haben in der Nachbereitung von Paris ein paar Fehler gemacht“, sagt Clemens, „wir haben die Pause danach zu kurz gestaltet, zu viele Turniere noch mitgenommen und uns zu wenig Zeit zur Verarbeitung genommen.“ Er sei, sagt der 30 Jahre alte Abwehrspezialist, auf einer Euphoriewelle geschwommen, die sich super angefühlt habe. „Dieses Gefühl wollte ich in die neue Saison hinüberziehen, habe mir dadurch Ergebnisdruck gemacht, dem ich nicht standhalten konnte.“ Nils, der in Paris seine Olympiapremiere gleich mit Edelmetall krönen konnte, hatte ähnliche Emotionen. „Ich habe mich extrem mit dem Abschneiden in Paris identifiziert und von mir erwartet, nun immer oben zu sein. Aber so ein Mindset ist schädlich, denn jedes Turnier startet bei 0:0. Erfolge aus der Vergangenheit sind schön, aber irrelevant für Gegenwart und Zukunft. Das haben wir beide nun verstanden und daraus gelernt“, sagt der 31-Jährige.

Die Lehre aus den World University Games? NRW kann Sportgroßevents!

„Rhine-Ruh“ steht an der überdimensionierten Flamme, dem Logo der Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games, an der sich zwischen Messe Essen und Grugahalle täglich Hunderte Besucher der Weltspiele der Studierenden fotografieren lassen oder selbst ablichten. Das „r“ ist abgefallen, was nach acht Veranstaltungstagen als normaler Materialschwund gelten kann, oder vielleicht wurde es auch von besonders verrückten Souvenirjägern abgeschraubt, man weiß es nicht. Was man weiß: Selten war ein Schriftzug weniger Programm, denn Ruh gibt es bei dieser Multisportveranstaltung ungefähr genauso viel wie in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Die World University Games mit ihren knapp 7000 Athlet*innen und weiteren rund 2200 Delegationsmitgliedern aus rund 150 Nationen sind ein vibrierender Schmelztiegel des studentischen Hochleistungssports. Und weil sie mit Blick auf die Bewerbung der Region Rhein-Ruhr um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele in Deutschland in den Medien gern als Testlauf oder Blaupause für noch Größeres bezeichnet werden, lohnt es sich, ein wenig genauer hinzuschauen.

Sina Diekmann tut dies aus beruflichen Gründen besonders intensiv. Die 36-Jährige ist bei der Veranstaltungs gGmbH als Abteilungsleiterin Sport angestellt, und auch wenn ein knackiges Abschlusswochenende mit vielen Entscheidungen noch aussteht, ist sie überzeugt davon, ein positives Fazit ziehen zu können. „Wir dürfen behaupten, dass wir internationale Sportveranstaltungen dieser Größenordnung organisieren können“, sagt sie. Feedback von Delegationen aus aller Welt speise diese Einschätzung. Vor allem das dezentrale Konzept der Unterbringung, das 84 Hotels in der Region anstelle eines zentralen Athlet*innendorfs einbindet, werde fast schon überraschend gut angenommen. „Der Faktor Zeit ist für die meisten sehr entscheidend, und wer von seinem Hotel fußläufig zur Wettkampfstätte kommt, muss nicht wertvolle Zeit in Shuttlebussen verbringen, sondern hat sie stattdessen zur Vor- und Nachbereitung. Das wird von den allermeisten Sportlerinnen und Sportlern sehr positiv bewertet“, sagt sie.

Zu Beginn Probleme mit digitaler Zeitmessung

Ines Lenze und Christoph Edeler, die als Doppelspitze die deutsche Delegation leiten, können das bestätigen. „Die Services funktionieren sehr gut, die Shuttles fahren pünktlich und sehr regelmäßig, das Essen in den Hotels und Wettkampfstätten ist hochwertig und ausreichend, deshalb sind alle sehr zufrieden“, sagt Ines Lenze. Zu Beginn der Wettkämpfe gab es an einigen Venues zwar Probleme mit der digitalen Zeitmessung, die nicht adäquat auf den Bildschirmen dargestellt werden konnte. „Das hat uns überrascht, weil unser Partner Atos als erfahren in Multisportevents gilt. Aber dass die ersten Tage nie ruckelfrei und manchmal nervenaufreibend sind, ist nicht überraschend, und wir haben die Probleme mittlerweile gemeinsam mit Atos in den Griff bekommen“, sagt Sina Diekmann.

Das Klischee von dauerfeiernden Student*innen, das angesichts gestraffter Studieninhalte sowieso immer seltener stimmt, wird dadurch bedient, dass die Veranstalter an den Wettkampforten Bochum, Duisburg, Essen, Hagen, Mülheim und Berlin als Außenstelle für Schwimmen, Wasserspringen und Volleyball sogenannte „Neighbourhoods“ eingerichtet haben; Orte, an denen sich die Teilnehmenden versammeln, treffen und – ganz wichtig – Pins tauschen können. „Außerdem ist in der Akkreditierung der öffentliche Nahverkehr in der gesamten Region enthalten, was von den Athlet*innen sehr gut angenommen wird. Viele fahren nach ihren Wettkämpfen zum Beispiel ins Bermudadreieck nach Bochum und machen dort gemeinsam Party. Dort kommen sie dann mit der Bevölkerung in Kontakt, und genau darum geht es bei einem Multisportevent dieser Ausrichtung ja auch“, sagt Sina Diekmann.

Der Vergleich mit dem Olympiakonzept, mit dem Nordrhein-Westfalen zum 31. Mai offiziell in den nationalen Ausscheid mit Berlin, Hamburg und München eingestiegen ist, hinkt allein schon deshalb, weil die darin eingeplante wichtigste Gastgeberstadt Köln und die Landeshauptstadt Düsseldorf nicht Teil der WUG sind. Der Charme der Sportstätten, die die Region zur Verfügung stellen kann, wird aber auch in diesen Tagen sichtbar. Um diese Sichtbarkeit komprimiert Entscheider*innen aus verschiedenen Bereichen von Wirtschaft, Politik und Sport zu ermöglichen, haben die Veranstalter am Mittwoch zur Observer Tour geladen. Auf einer Bustour durch die Hauptaustragungsorte Duisburg, Bochum und Essen lassen sich Eindrücke gewinnen, die zumindest die Fantasie dafür anregen, wie Olympische Spiele mit doppelt so vielen Teilnehmenden und Sportarten - 18 sind es bei den WUG - in NRW funktionieren könnten.

„Wir sind auch Sportler:innen!“ - Special Olympics und Inklusion

In dieser besonderen Folge von Gesund in Sportdeutschland treffen zwei Stimmen aufeinander, die Klartext sprechen: Was bedeutet echte Inklusion im Sport - jenseits von Sonntagsreden und wohlmeinenden Absichtserklärungen? Stephanie Wiegel, Athletin mit geistiger Behinderung, erzählt mit beeindruckender Offenheit, warum Sichtbarkeit mehr ist als ein Platz auf dem Siegertreppchen - und warum Respekt nicht bei der Medaille aufhören darf. An ihrer Seite: Justin Schütz, Eishockeyprofi und Special-Olympics-Deutschland-Botschafter, der nicht nur Brücken baut, sondern auch klar benennt, wo unsere Gesellschaft dringend noch Barrieren abbauen muss.

Hör z.B. hier direkt rein: Spotify, Apple, Deezer, Podigee.

Team D Nachwuchs überzeugt beim EYOF 2025 in Skopje

Mit sieben Mal Gold, vier Mal Silber und zwölf Mal Bronze verabschiedet sich der Nachwuchs des Team Deutschland erfolgreich aus der nordmazedonischen Hauptstadt. Im Medaillenspiegel landet Deutschland mit seinen 23 Medaillen auf Platz acht noch vor Serbien und hinter Ungarn.

Bei der Abschlussfeier führte erneut ein Fahnenträger*innen-Duo die 148 deutschen Nachwuchsathlet*innen an. Die Wahl des DOSB fiel dabei auf Lotta Willuhn (Handball) und Milan Zeisig (Badminton).

Die 17-jährige Torhüterin Lotta Willuhn vom TV Hannover-Badenstedt hat mit der U17 Mädchenmannschaft am letzten Wettkampftag sensationell Gold gewonnen. Die Mannschaft startete als Underdog in das Turnier und kämpfte sich von einem Sieg zum nächsten. Lotta trug mit ihrer Leistung maßgeblich zum Erfolg bei und ist die einzige Spielerin der aktuellen Mannschaft, die die Qualifikation für das EYOF mit bestritten hat.

Lotta über ihre Wahl: „Das macht mich sehr, sehr glücklich. Es war echt eine Überraschung, diese erfreuliche Nachricht überbracht zu bekommen. Ich bin stolz auf mein Team und trage die Fahne für alle zusammen. Ich reise mit ganz vielen, neuen Eindrücken ab. Man konnte durch das Multisportevent ganz viele neue Sportarten entdecken und das hat viel Spaß gemacht.“

Der 16-jährige Milan Zeisig vom SV Berliner Brauereien war an jedem Tag beim EYOF im Einsatz und zeigte konstant herausragende Leistungen. Im gesamten Turnier verlor er nur zwei Sätze im Einzel-Halbfinale und holte damit Bronze im Einzel. Im Mixed Doppel marschierte er mit seiner Partnerin Laira Röhl durch den Wettkampf und gab in keinem einzigen Spiel einen Satz verloren. Am Ende krönte er sich dadurch am letzten Wettkampftag zusätzlich mit der verdienten Goldmedaille.

Milan zeigt sich begeistert: „Ich bin ziemlich überwältig. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ich Fahnenträger werde. Ich glaube, das kann ich alles erst begreifen, wenn ich etwas runtergefahren habe. Im Moment bin ich noch überwältig vom spielerischen und von der Atmosphäre. Ich fliege jetzt erstmal in den Urlaub und freue mich darauf, dass ich das Alles nochmal Revue passieren lassen kann.“

Eine Übersicht aller Erfolge des Team Deutschland beim EYOF findet ihr hier: Team D Erfolge EYOF Skopje 2025

Eine Auflistung aller Sportler*innen inkl. Vereinen und zugehöriger Bundesländern findet ihr hier: Alle 148 Athlet*innen des Team D EYOF Skopje 2025

Erstes olympischen Event für Team D Nachwuchssportler*innen

Für den deutschen Nachwuchs im Alter von 13 bis 18 Jahren war es das erste internationale Event mit olympischem Charakter. Das vom European Olympic Committee (EOC) organisierte EYOF ist mit rund 3.000 Athlet*innen aus 48 Nationen das größte und wichtigste Multisportevent für die europäischen Nachwuchstalente. In 15 olympischen Sportarten ging es um insgesamt 488 Medaillen.

Chefin de Mission, Prof. Dr. Ilka Seidel, zieht ein positives Gesamtfazit: „Wir sind stolz auf den Nachwuchs des Team Deutschland und auf das, was sie beim EYOF geleistet haben. Im Vordergrund stand für uns, dass die Athlet*innen internationale Erfahrung sammeln und an ein Event in dieser Größenordnung herangeführt werden. Wir haben aber auch gesehen, wie ehrgeizig der Nachwuchs des Team D ist und wie viel Potential in ihm steckt. Das EYOF ist eine sehr gute Adresse für alle Nachwuchssportler*innen, um sich weiterzuentwickeln und den nächsten Schritt in der Leistungssportkarriere zu machen. Ich gratuliere allen Medaillengewinner*innen im Namen des DOSB und wünsche allen Athlet*innen, dass sie ihren sportlichen Traum weiter zielstrebig verfolgen, dass sie gesund bleiben und wir sie eines Tages im großen Team Deutschland willkommen heißen dürfen.“

Was bleibt von Paris 2024? Fünf Impulse, die über den Sport hinaus wirken

Paris 2024 war ein Wendepunkt, der durch tiefgreifende Reformen, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Präsident Thomas Bach bereits Jahre zuvor angestoßen hatte, möglich gemacht wurde. Mit der Olympic Agenda 2020, The New Norm und Olympic Agenda 2020+5 wurde die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele grundlegend neu gedacht: transparenter, nachhaltiger, sozialer. Das Ergebnis: ein Sportgroßevent, das sich in die Gesellschaft integrierte, statt sich von ihr zu entfernen. 

Reichweite und Teilhabe: Spiele für alle

Die Spiele in Paris waren keine elitäre Veranstaltung, sondern ein Fest für Millionen: Über 12 Millionen Tickets wurden verkauft, 8 Millionen Menschen besuchten die öffentlichen Fanzonen, 45.000 Volunteers engagierten sich im Einsatz vor Ort, Weltweit verfolgten 5 Milliarden Zuschauer*innen das Geschehen über TV und digitale Kanäle. Die Spiele waren dank innovativer Formate und urbaner Austragungsorte moderner, jugendlicher und inklusiver. Sie waren spürbar näher an den Menschen dran und dadurch so sichtbar wie nie.

Viele Athlet*innen wurden so zu Vorbildern, was sich direkt auf den organisierten Sport im Land auswirkte. Nach den Spielen stiegen die Mitgliederzahlen in französischen Sportvereinen deutlich an. Tischtennisvereine meldeten ein Plus von 20 Prozent, im Fechten waren es sogar 25 Prozent, beim Triathlon 32 Prozent. Auch Schwimmen, Handball, Rugby, Volleyball und der Para-Sport verzeichneten Zuwächse, beflügelt durch starke Auftritte und Medaillen heimischer Sportler*innen wie dem Schwimmer Léon Marchand und Tischtennisspieler Félix Lebrun.

„Menschenrechte sind unverhandelbar, unteilbar und universell verbindlich für alle!“

74 Jahre ist er alt, aber von Ruhestand hält Joachim Rücker wenig, und das ist gut für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Im Anfang 2023 begründeten Menschenrechts-Beirat ist der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, der in Stuttgart lebt, als Geschäftsführer eine prägende Stütze. Die Erfahrungen, die Rücker aus seinen Stationen im Auswärtigen Amt und bei den Vereinten Nationen, deren Menschenrechtsrat er 2015 als Präsident führte, mitbringt, sind für die ehrenamtliche Arbeit im organisierten Sport Gold wert. 14 Mitglieder hat das Gremium, dem DOSB-Präsident Thomas Weikert vorsitzt. Dreimal im Jahr wird unter Projektleitung von Kirsten Witte-Abe, Leiterin Organisationsentwicklung im DOSB, getagt, einmal davon in Präsenz. So geschehen in der vergangenen Woche in Berlin, was wir zum Anlass genommen haben, mit Joachim, der auch Mitglied im 2023 einberufenen Lenkungskreis der Olympiabewerbung ist, über die wichtigsten Inhalte der Arbeit und die brennendsten Zukunftsthemen zu sprechen.

DOSB: Joachim, in wenigen Sätzen erklärt: Warum braucht ein Dachverband wie der DOSB einen Menschenrechts-Beirat?

Joachim Rücker: Das Thema Menschenrechte und deren Einhaltung hat auch im Sport immens an Bedeutung gewonnen. Die „Guiding Principles on Business and Human Rights“ der Vereinten Nationen, kurz UNGP, standardisieren den Umgang mit den menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten und sind als Richtschnur für Unternehmen, aber auch Verbände und Organisationen zu verstehen. Wenn eine Organisation, wie 2022 der DOSB, sich in ihrer Satzung zu den Menschenrechten bekennt, dann ist es wichtig, sich dazu begleitend externer Expertise zu bedienen. Das tun wir mit dem Beirat, in dem zwar auch Vertreter*innen aus DOSB-Mitgliedsorganisationen, aber überwiegend Externe sitzen, die das Präsidium des DOSB in allen Menschenrechtsfragen beraten.

Beraten bedeutet, dass ihr Empfehlungen gebt, aber keine Entscheidungsbefugnis habt oder bindende Rechtsvorschriften erarbeitet?

Korrekt. Wir verstehen uns als kritische Begleitung, die Positionen erarbeitet und klare Meinungen vertritt, ohne damit jedoch aktiv in die Politik des DOSB einzugreifen. Nach unserer Gründung wurde zunächst eine Risikoanalyse erstellt, aus der sich verschiedene Tätigkeitsfelder ergaben. Auf dieser Grundlage wurde dann die Menschenrechts-Policy des DOSB erarbeitet. Mittlerweile geht es um die Umsetzung der Policy, den Aktionsplan.

Ist ein solcher Beirat ein deutsches Phänomen, oder gibt es Vergleichbares in anderen Nationen auch?

Auch andere Nationen, die die UNGP umsetzen, haben einen Menschenrechts-Beirat im Sport, aber allzu viele sind es meines Wissens noch nicht. In erster Linie sind es nord- und westeuropäische Staaten, die zum Beispiel aktuell unter der Führung Dänemarks zusammenarbeiten, um ein internationales Leitbild für die Verankerung von Menschenrechten bei Sportgroßveranstaltungen zu erstellen.

Menschenrechte sind doch seit vielen Jahren schon ein wichtiges Thema. Wie kommt es, dass es den Beirat im DOSB erst seit drei Jahren gibt?

Das liegt daran, dass die UNGP erst 2011 entwickelt wurden. In den 2010er-Jahren ging es dann zunächst um Unternehmen. Erst Anfang dieses Jahrzehnts kam die Einsicht, dass sie auch für Verbände und Organisationen analog anwendbar sind. Entsprechend hat der DOSB 2022 das Thema in seine Satzung aufgenommen und es kam zur  Gründung des Beirats.

Geht es bei eurer Arbeit vorrangig darum, die Menschenrechte und deren Einhaltung als wichtiges Thema sichtbar zu machen, oder gibt es tatsächlich substanzielle Veränderungen, die durch die UNGP und deren Umsetzung möglich werden?

Es geht um beides. Einerseits ist es wichtig, dem Thema dauerhafte Sichtbarkeit zu geben. Andererseits hat es zum Beispiel auf Unternehmensebene mit dem Lieferkettengesetz - auch wenn die entsprechende Berichterstattung derzeit suspendiert ist - substanzielle Veränderungen gegeben, die etwa dazu geführt haben, dass  Kinder- und Zwangsarbeit in den Lieferketten so weit wie irgend möglich ausgeschlossen wird.

Dann lass uns konkret über ein paar Themen sprechen, die euch im Beirat bewegen. Ihr habt vergangene Woche euer Jahrestreffen in Berlin gehabt. Was waren die wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir uns nicht zufällig in Berlin getroffen haben. Berlin ist aktuell auch Austragungsort der World University Games, die hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen stattfinden. Wir haben uns mit dem Menschenrechtskonzept dieser Weltspiele der Studierenden ausführlich befasst und es als durchaus vorbildlich eingeordnet. Deshalb war es schön, sich vor Ort auch direkt von diesem Sportgroßevent inspirieren zu lassen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass aus den vergangenen Jahren viele Lehren gezogen wurden und das Thema Menschenrechte sehr gut in Sportgroßveranstaltungen integriert werden kann. Das ist ja auch bei der UEFA Euro 2024 gut gelungen. Aber um die Frage zu beantworten: Ein Schwerpunkt war der Umgang mit antidemokratischem Verhalten.

„Meine dringende Bitte lautet: Keine Experimente machen!“

Sie selbst hat aktiv Tennis gespielt. Als Verbandsärztin im Biathlon und im Rudern  und als DOSB-Teamärztin bei den World Games 2022 in den USA und den Olympischen Spielen 2024 in Paris hat sie viele Erfahrungen angeeignet, die ihr bei der Betreuung eines Multisport-Events zugutekommen. Dennoch wird auch Dr. med. Katharina Blume zumindest ein wenig aufgeregt sein, wenn sie am 1. August in Frankfurt am Main in den Air-China-Flieger nach Chengdu steigt. In der 20-Millionen-Einwohner-Stadt in der südwestchinesischen Provinz Szechuan stehen vom 7. bis 17. August die World Games auf dem Programm, die Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten. Die deutsche Delegation besteht aus 213 Athlet*innen und 106 Teammitgliedern, und die Kardiologin und Internistin, die am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin arbeitet, ist mit ihrem Team für die medizinische Betreuung zuständig. Für ihr Engagement nimmt sie sich gezielt Zeit - außerhalb ihrer regulären Tätigkeit in der Klinik, teils im Rahmen von Urlaub, teils durch unbezahlte Freistellungen. „Solche Veranstaltungen sind für mich ein besonderes Highlight. Ich freue mich sehr darauf und hoffe, dass wir viele ruhige Momente erleben werden, um entspannt die Wettkämpfe verfolgen zu können.“

DOSB: Katharina, du leitest das medizinische Team, das die deutsche Delegation zu den World Games nach Chengdu begleitet. Wie viele Personen seid ihr und wie darf man sich eure Arbeit vor Ort vorstellen?

Katharina Blume: Wir sind zu siebt und kennen uns bereits zum Teil von vorherigen Events. Daniel Hensler ist Orthopäde und Unfallchirurg, gemeinsam mit ihm decke ich als Internistin und Kardiologin die wichtigsten medizinischen Kernbereiche ab. Dazu kommen unsere vier Physiotherapeuten Andreas Richter, Stefan Kalteis, Sandra Zitzler und Victoria Nolte und unser Psychologe Christian Heiss. Wir bieten medizinische Betreuung für das gesamte Team D, also nicht nur für die Athletinnen und Athleten, sondern auch für die Delegation. Wenige Verbände haben auch noch eine eigene medizinische Betreuung, mit der wir im ständigen Austausch sind und uns gegenseitig unterstützen.

Habt ihr vor Ort eigene Räume oder seid ihr mobil unterwegs?

Der Unterschied zu Olympischen Spielen ist, dass bei den World Games die Sportlerinnen und Sportler nach Sportarten untergebracht sind und nicht nach Nationen. Das macht es ein wenig schwieriger, den Überblick zu behalten. Wir haben im Cluster A, wo der Großteil der deutschen Delegation untergebracht ist, Räume in einem Komplex angemietet, der direkt neben dem Athletendorf liegt. Die Informationslage ist noch etwas spärlich, aber es sieht so aus, dass wir dort mit vielen Gesundheitsteams anderer Nationen untergebracht sind und deshalb so eine Art medizinisches Zentrum vorfinden werden. Ein Teil unseres Teams ist immer dort anzutreffen, vor allem hat unser Psychologe einen ruhigen Rückzugsraum für Gespräche. Wir werden aber auch im Cluster B regelmäßig anwesend sein. Außerdem sind wir an den Wettkampfstätten unterwegs, um den direkten Kontakt zu suchen und, wenn mal etwas freie Zeit bleibt, auch Sport schauen und anfeuern zu können. Wir machen selbstverständlich auch „Hausbesuche“, weil wir möchten, dass sich erkrankte Personen möglichst in ihren Zimmern isolieren, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten.

Habt ihr vor Ort medizinisches Gerät oder nutzt ihr Einrichtungen, die die Organisatoren der Spiele bereitstellen?

Die Notfallversorgung ist sichergestellt, wir haben alles, um die Erstbehandlung bei Erkrankungen oder Verletzungen zu übernehmen. Bei schweren Verdachtsfällen oder Diagnosen nutzen wir die Anbindung an das Organisationsteam, da können wir auf alles Notwendige zurückgreifen, und aus Erfahrung wissen wir, dass die Versorgung in Asien sehr gut ist. Wir arbeiten eng mit den Teams vor Ort zusammen - relevante medizinische Entscheidungen werden stets im gemeinsamen Austausch getroffen, nicht an uns vorbei.

Dann lass uns über die wichtigsten Themen sprechen, die euch beschäftigen. Beginnen wir mit dem Klima, das Mitteleuropäer vor große Herausforderungen stellt: Temperaturen weit jenseits der 30 Grad, die auch nachts kaum unter diese Marke fallen, dazu eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Worauf ist zu achten, um damit bestmöglich umzugehen?

Dieses Wetter darf man keinesfalls unterschätzen. Optimal wäre, man könnte eine Hitzeanpassung machen, die aber 14 Tage dauern kann. Diese Zeit hat man im Sport meistens nicht. Es ist aber gut, dass auch bei uns derzeit Sommer ist und die Aktiven sich im Training schon an die Bedingungen herantasten konnten. Viele Ratschläge, die wir geben, sind bekannt, es ist aber in Chengdu enorm wichtig, sie umzusetzen. Man sollte sich so wenig wie möglich unter freiem Himmel aufhalten, im Freien so oft und gut, wie es eben geht, Schatten aufsuchen. Eine Kopfbedeckung ist Pflicht, eine Sonnenbrille angeraten. Sonnencreme mit mindestens Lichtschutzfaktor 30 muss mehrfach am Tag aufgetragen werden, weil sie abgeschwitzt wird. Keine gute Idee ist es, sich mit freiem Oberkörper in die Sonne zu legen, weil das die Haut schädigt und erhitzt. Ein helles, atmungsaktives Shirt ist die weitaus bessere Variante. Zur Abkühlung empfehlen wir feuchte Handtücher und Kühlwesten. Man muss nicht übertreiben, aber dem gesunden Menschenverstand folgen.

Das schließt ein, Warnsignale des Körpers zu beachten, um Überhitzung oder gar einen Hitzschlag zu vermeiden. Welche können das sein?

Wer nicht mehr schwitzt und eine stark erwärmte Haut hat, sollte sich dringend abkühlen. Wer Schwindel oder Übelkeit verspürt, muss raus aus der Sonne und erholende Maßnahmen einleiten. Falscher Ehrgeiz kann hier fatale Folgen haben.

Eine Grundregel lautet, ausreichend zu trinken. Aber was bedeutet das? Ist nicht jeder Körper unterschiedlich und hat ein individuelles Bedürfnis?

Das stimmt, aber es gibt drei Faustregeln, die in puncto Flüssigkeitshaushalt wichtig sind. Erstens: Vor Training und Wettkampf für ausreichend Hydration sorgen. Das bedeutet, bis 30 Minuten vor der Belastung 500 bis 1.000 Milliliter zu sich zu nehmen. Zweitens: Während Training und Wettkampf ist eine kontinuierliche Flüssigkeitszufuhr entscheidend - nicht erst im Nachhinein mehrere Liter trinken. Ein sinnvoller Richtwert liegt bei rund 200 Milliliter alle 15 Minuten. Man kann das durch Wiegen vor und nach einer Belastung ganz gut kontrollieren. Ein Gewichtsverlust von mehr als zwei Prozent des Körpergewichts kann erhebliche Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit haben und sollte unbedingt vermieden werden. Und drittens: Nach der Belastung immer nachjustieren, aber ebenfalls in kleinen Mengen. Der Urin liefert einen einfachen Hinweis auf den Flüssigkeitshaushalt: Eine dunkle bis gelbe Färbung weist auf einen Flüssigkeitsmangel hin. Ist der Urin hingegen hell oder nahezu klar, ist der Körper in der Regel gut hydriert.

Reicht es, Wasser zu trinken, oder braucht es Elektrolytgetränke?

In einem Klima, in dem man so stark schwitzt, ist es wichtig, Mineralstoffe zuzuführen. Das geht, indem man etwas Natriumsalz ins Wasser gibt. Wir empfehlen aber auch Elektrolytgetränke, die die notwendigen Reserven aufzufüllen helfen. Ein absolutes No-Go ist, sich vor Ort in Apotheken oder Supermärkten mit irgendwelchen Supplements zu versorgen!

Das sollte im Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln doch allen Athlet*innen klar sein, oder?

Sollte es, dennoch weisen wir immer wieder darauf hin. Nahrungsergänzung bitte nur dann einsetzen, wenn es Produkte sind, die auf der Kölner Liste stehen und damit geprüft und erlaubt sind. Und wenn man weiß, dass man sie verträgt.

Reicht denn das, was man in Deutschland nimmt, auch in China aus, oder braucht es wegen der klimatischen Belastungen dort zusätzliche Supplements?

Das Einzige, was wir manchen in den ersten Tagen zusätzlich empfehlen, sind Präparate mit Vitamin C und Zink, um die Infektionsanfälligkeit zu minimieren. Alles andere ist nicht notwendig - vorausgesetzt, es liegen keine Mangelzustände vor. Wenn alle nur das nehmen, was sie kennen, bekommen wir keine Probleme. Meine dringende Bitte lautet: Keine Experimente machen!

„Es sollte immer um die Sache gehen, die muss einem etwas bedeuten!“

Was man von ihr bekommt, das weiß Manuela Schmermund erfrischend ehrlich einzuordnen. „Ich war immer so etwas wie das Enfant terrible, die Motztante“, sagt sie, „aber ich finde es wichtig, in vernünftigem Maß eine Streitkultur beizubehalten, denn durch Reibung entsteht Veränderung. Gerade in einem großen Verband sollte man Entwicklungsprozesse nach außen kehren, um zu zeigen, dass man sich auf allen Ebenen mit einem Thema auseinandergesetzt hat.“ Recht hat sie, die 53-Jährige, die für Deutschland 2004 bei den Paralympischen Spielen in Athen Gold mit dem Luftgewehr holte. Und genau deshalb sind wir im DOSB froh, einen kritischen Geist wie Manuela Schmermund in der Gruppe unserer Persönlichen Mitglieder zu wissen.

Diese Gruppe ist so etwas wie ein Beirat für den Dachverband des organisierten Sports. Ihre bis zu 15 Mitglieder - aktuell sind es zwölf - werden vom DOSB-Präsidium und der Athletenkommission vorgeschlagen und im Zuge der Mitgliederversammlung alle vier Jahre gewählt. In der „Arbeitsplatzbeschreibung“ steht, dass sie den DOSB in seiner Arbeit unterstützen, indem sie das Präsidium beraten, und die Interessen des Sports dadurch vertreten, dass sie als seine Botschafter*innen fungieren, seine Werte in die Gesellschaft tragen und bei Veranstaltungen des DOSB als Repräsentant*innen auftreten. So viel zur Theorie.

Manuela steht bereit, wenn Unterstützung gefragt ist

Wer etwas zur Praxis wissen möchte, ist bei Manuela Schmermund genau richtig, denn die Sportschützin, die in ihrem Heimatverein Schützengilde Mengshausen im hessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg als Aktive und Nachwuchsbetreuerin wichtige Funktionen übernimmt, ist das Mitglied mit den meisten Einsätzen. Wann immer Unterstützung gefragt ist, steht sie bereit. „Als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, Persönliches Mitglied zu werden, war mir zunächst nicht klar, was das bedeutet. Aber die Inhalte sind grundsätzlich zu wichtig, um so eine Anfrage abzulehnen“, sagt sie zu ihrer Motivation, sich einmal mehr in den ehrenamtlichen Dienst zu stellen.

Was sie einbringen kann, ist neben der Erfahrung aus mehr als 20 Jahren Leistungssport, in denen sie sich stets auch in die Athlet*innenvertretung einbrachte, die Perspektive einer Parasportlerin, die sich seit langer Zeit für Inklusion stark macht und so einige Kämpfe gegen althergebrachte Strukturen ausgefochten hat. „Ich sehe meine wichtigste Aufgabe darin, meine persönlichen Erfahrungswerte einzubringen, um damit einen Mehrwert zu bieten, der auch dem DOSB nutzt“, sagt sie. Deshalb schätzt sie besonders die Einsätze auf Veranstaltungen wie beispielsweise der Sportabzeichen-Tour, die sie in diesem Jahr in Göttingen erstmals live erlebte. „Mit Menschen aus dem Sport in Kontakt zu kommen und sich über Sorgen und Nöte, aber auch das, was gut läuft, auszutauschen, finde ich sehr wichtig!“

„Die Silbermedaille von Paris hat einiges einfacher gemacht“

Zugegeben, es ist eine gemeine Frage. Von einem Spitzenathleten wissen zu wollen, welche seiner gewonnenen Medaillen den größten Wert hat, ist ungefähr so fair, als würde man einen Familienvater fragen, welches seiner Kinder ihm das liebste sei. Allerdings hat diese Frage einen angemessenen Hintergrund, wenn man sie Florian Unruh stellt. Der 32-Jährige zählt zu den wenigen deutschen Topsportlern, die es geschafft haben, sowohl bei den Olympischen Spielen als auch bei den World Games, den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, Edelmetall zu gewinnen. Bei Olympia holte der Bogenschütze vom SSC Fockbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) im vergangenen Jahr in Paris im Mixed mit dem Recurve-Bogen an der Seite von Michelle Kroppen (29/Jena) Silber. Bei den World Games 2022 in Birmingham (USA) stand er im Feldbogen-Wettbewerb sogar ganz oben auf dem Siegertreppchen.

„Es ist wirklich schwierig, diese beiden Medaillen miteinander zu vergleichen“, sagt er, „natürlich ist ein Titelgewinn etwas ganz Besonderes, aber der Einfluss, den Olympiasilber auf meine Karriere hatte, ist deutlich größer. Die Medaille von Paris hat meine Außenwirkung deutlich verändert und einiges einfacher gemacht.“ Der größte Unterschied zwischen den Weltspielen im olympischen und nicht-olympischen Bereich zeige sich in der medialen Aufmerksamkeit. „Selbst in einer Randsportart wie dem Bogenschießen ist deutlich zu spüren, wie sehr die Anfragen rund um Olympische Spiele zunehmen. Olympia ist in allen Dimensionen größer“, sagt er. Die World Games seien eher mit den European Games vergleichbar, die er 2015 in Baku (Aserbaidschan) erstmals erleben durfte.

Bei den World Games ist er Titelverteidiger

Was aber nicht heißt, dass Florian Unruh deshalb die Vorbereitung auf die bei der kommenden World-Games-Ausgabe in Chengdu (China) vom 7. bis 17. August anstehende Titelverteidigung weniger ernst nähme. „Ich mag Multisport-Veranstaltungen sehr und freue mich darauf, mit anderen Sportarten und Athleten in Kontakt zu kommen. Sportlich gesehen bedeuten mir die World Games ähnlich viel wie Olympia“, sagt er. Wobei die nicht-olympische Feldbogen-Variante, die auch in China zur Austragung kommt, in der Förderung gegenüber den olympischen Disziplinen nachrangig eingeordnet wird. „Ich werde von der Bundeswehr für die olympischen Wettkämpfe bezahlt“, sagt der Sportsoldat, der sein Informatik-Studium zu Gunsten des Sports zurückgestellt hat.

EYOF 2025 in Skopje eröffnet

Das Team Deutschland lief bei der gestrigen Eröffnungsfeier im Jane Sandanski Sports Center an elfter Stelle ein. Insgesamt nahmen an der Zeremonie 48 europäische Nationen teil.

Das Fahnenträger*innen-Duo Jolina Reinhold (Judo) und Johann Grau (3x3 Basketball) führte die deutschen Nachwuchsathlet*innen an. Für die beiden, jungen Talente ein großer Moment in ihrer Karriere.

Jolina Reinhold sagte zu ihrer Wahl: „Ich habe es überhaupt nicht erwartet. Es war ein mega Gefühl, unbeschreiblich, die deutsche Fahnenträgerin zu sein. Ich freue mich auf das Turnier und möchte gewinnen. Ich bin etwas nervös, aber wenn der Kopf mitspielt, ist alles drin.“

Die 15-jährige Jolina vom TSV Abensberg (Bayern) ist aktuell U18-Weltranglistenerste in der Gewichtsklasse bis 57 kg. Im vergangenen Jahr holte sie bei der U18-Weltmeisterschaft bereits Bronze und hält zudem den Titel der deutschen Meisterin in der U18 und U21.

Wenn eine Hundertstelsekunde zum großen Glück genügt

Die Sommerferien in Sachsen dauern in diesem Jahr bis zum 8. August. Für Kyra Säbisch ist das ein nicht ganz unerheblicher Fakt, denn während ihre Klasse am Sportgymnasium Leipzig wieder zum Unterricht erscheinen muss, erlebt die Athletin von SC DHfK Leipzig rund 7.500 Kilometer südöstlich in Chengdu (China) den Höhepunkt ihrer noch jungen Leistungssportkarriere. Bei den World Games, den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, geht die dann 17-Jährige am ersten Wochenende im Finswimming (Flossenschwimmen) für die deutschen Frauenstaffeln über 4x50 sowie 4x100 Meter an den Start. „Ich habe noch immer nicht realisiert, dass ich mich wirklich dafür qualifiziert habe. Aber natürlich freue ich mich wahnsinnig darauf!“, sagt sie.

Um das zu schaffen, hatte Kyra Säbisch Mitte April ein Drama überstehen müssen. Die Qualifikation für den fünften Platz im Team neben Nadja Barthel (SC DHfK Leipzig), Lilly Placzek (SG Dresden), Michele Rütze (SG Dresden) und Johanna Schikora (TC FEZ Berlin) sollte beim Weltcupfinale in Barcelona ausgeschwommen werden. Nach ihren Vorleistungen lagen Kyra, Lara Gawenda und Nina Kohler gleichauf, und so wurde die in Spanien geschwommene 100-Meter-Zeit als Bewertung herangezogen. Kyra war die Schnellste - mit dem hauchdünnsten messbaren Vorsprung von einer Hundertstelsekunde. „Als ich anschlug, wusste ich noch nicht, dass die Zeit ausreichte“, erinnert sie sich. „Als es dann klar war, habe ich mich natürlich sehr gefreut. Aber die anderen beiden, die teilweise schon deutlich länger als ich auf das Ziel World Games hingearbeitet haben, taten mir auch sehr leid. Es war auch für mich, aber insbesondere für sie hart, damit umzugehen.“

Erst seit zwei Jahren ist Kyra im Finswimming aktiv

Weil Sport manchmal grausam sein kann, aber niemand für Spitzenleistungen um Entschuldigung bitten muss, darf sich Kyra Säbisch nun spätestens seit Ende Juni als Teil des Team D für Chengdu fühlen. Seit sie in der DOSB-Zentrale in Frankfurt am Main ihre Teamkleidung in Empfang nehmen konnte, ist die Vorfreude auf das größte Event ihres Sports noch einmal gewachsen. Für eine Schülerin wie die aus Altenhain bei Grimma stammende Athletin, die in Kindertagen mit dem Schwimmen begann und erst 2023 erstmals die Monoflosse anlegte, ist die Reise nach China kaum greifbar. „So etwas erlebt man nicht oft, vielleicht nur einmal im Leben“, sagt sie. „Ich habe noch immer nicht das Gefühl, zu 100 Prozent im Finswimming angekommen zu sein. Eineinhalb Jahre hat die Umstellung sicherlich gedauert.“

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