Neues aus Sportdeutschland
„Mein Selbstbild hat nicht gestimmt, jetzt fühle ich mich wieder viel mehr“
Leichtigkeit, vor allem anderen. Das, sagt Johanna Schikora, sei das Gefühl, mit dem sie in dieser Woche bei den Weltmeisterschaften im Flossenschwimmen in Südkoreas Hauptstadt Seoul in ihr voraussichtlich letztes internationales Großevent startet. Man muss ihre Geschichte kennen, um zu verstehen, wie besonders es ist, dass sie diese Leichtigkeit empfinden kann. Denn das, was die 24-Jährige in den vergangenen zwei Jahren erlebt hat, kann Menschen bis zur Selbstaufgabe zermürben. Es kann sie aber auch resilient machen. Und so ist dieser Satz, den sie als eine Art Zusammenfassung ihres Leidenswegs ausspricht, vielleicht mehr wert als all die Medaillen, die sie über die Jahre gewonnen hat. „Ich fühle mich wieder viel mehr“, sagt Johanna Schikora im Abschiedsgespräch mit dem DOSB, und die Entschlossenheit, die aus ihrem Gesicht zu lesen ist, unterstreicht, dass sie es genauso meint.
Johanna Schikora, geboren und aufgewachsen in Berlin, wo sie auch heute noch lebt, galt vor einigen Jahren als Deutschlands beste Flossenschwimmerin. 2021 hatte sie in Tomsk (Russland) ihren ersten WM-Titel im Erwachsenenbereich erkämpft. Ein Jahr später wurde sie in Birmingham (USA) World-Games-Siegerin über 400 Meter. „Das war einer der schönsten Momente meiner Karriere. Meine Paradestrecken sind eigentlich die 800 und 1.500 Meter, aber bei den World Games sind die 400 die längste Distanz. Ich bin ohne große Erwartungen angetreten, und plötzlich hatte ich Gold um den Hals. Das hat so unfassbar viel Spaß gemacht, ich kann kaum beschreiben, welche Emotionen ein solcher Erfolg freisetzt“, sagt sie.
Ihr Hang zum Perfektionismus hat etwas Selbstzerstörerisches
Was sie damals nicht ahnte: Dass der größte Erfolg ihres sportlichen Lebens bei den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten viele Gewissheiten ins Rutschen bringen würde. Die Frage, was nach einem solchen Triumph noch kommen könnte, wenn man ihn als 20-Jährige erlebt, drängte schnell in ihr Bewusstsein. Und da Johanna ein Mensch ist, in dessen Kopf niemals Ruhe herrscht, wurde sie von einer Welle überrollt, der sie auch mit der Monoflosse an den Füßen nicht gewachsen war. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss weitermachen, muss den Erfolg bestätigen. Das war mein innerer Antrieb, und obwohl ich fühlte, dass ich gar nicht mehr ins Wasser wollte, und alle verstanden hätten, wenn ich mir eine Pause gegönnt hätte, war das für mich niemals eine Option“, sagt sie rückblickend.
In einem eindrucksvollen Portrait, das vor einigen Wochen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschien, schildert Johanna der mit ihr gut bekannten Redakteurin in schonungsloser Offenheit, dass ihr Hang zu Perfektionismus etwas Selbstzerstörerisches in sich birgt. Nicht nur im Sport wollte sie stets die Beste sein. Sie schloss das Abitur mit der Traumnote 1,0 ab, beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ war sie Bundespreisträgerin im Klavierspielen. „Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich Anerkennung dafür bekomme, wenn ich Außergewöhnliches leiste. Also habe ich daraus geschlossen, dass ich nichts wert bin, wenn ich nichts leiste. Das habe ich so sehr verinnerlicht, dass eine Pause vom Leistungssport in meiner Gedankenwelt gar nicht vorkam“, sagt sie im DOSB-Interview.
Mit 16 Jahren zeigte sich erstmals eine Essstörung bei Johanna
Bereits mit 16 Jahren hatte sich eine Essstörung manifestiert, weil Johanna Ungesundes vom Speiseplan strich. Während der Corona-Zeit sorgte die Einsamkeit für eine Verschlechterung, sie begann, sich nach dem Essen zu erbrechen. Mittels eines Ernährungsplans konnte sie ihren Zustand stabilisieren und in den Folgejahren die größten sportlichen Erfolge einfahren. Doch nach der emotionalen Berg- und Talfahrt im Jahr 2022 nahmen die Probleme wieder zu, weil sie unterbewusst spürte, dass weniger Essen zu weniger Leistung und damit auch zu weniger Leistungsdruck führen könnte. Die Quittung für diesen Raubbau reichte ihr Körper bei der WM 2024 in Serbiens Hauptstadt Belgrad ein. Sie wurde Weltmeisterin über 1500 Meter, konnte aber zum Finale über 400 Meter nicht mehr antreten, weil ihre eine Bandscheibenvorwölbung unerträgliche Schmerzen bereitete.
In die Erleichterung, eine plausible Ausrede dafür zu haben, nicht mehr schwimmen zu müssen, mischte sich schnell das Gefühl der Unvollkommenheit und die Angst davor, was sie ohne ihren Sport überhaupt noch darstellen würde. Im März 2025 brach Johanna endgültig zusammen – und entschied, sich in eine Fachklinik für Essstörungen zu begeben. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrückte sie bei ihren Eltern, die sich die gesamte Karriere über intensiv um ihre Tochter gekümmert hatten. Drei Monate blieb sie im Krankenhaus, wo sie lernte, Essen nicht als Feind zu betrachten. Nur einen Monat nach der Entlassung trat sie, völlig außer Form, bei den World Games in Chengdu (China) an. Im Einzelrennen über 400 Meter wurde sie mit fast 20 Sekunden Rückstand auf Gold Letzte, in der Staffel reichte es ebenfalls nicht zu mehr.
Ein saarländisches Sommermärchen, das alle stolz zurückblicken lässt
4.300 Athlet*innen, zwölf internationale Delegationen, 27 Sportarten, 2750 Untersuchungen beim begleitenden Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“, 3100 Volunteers, 110.000 Besucher*innen in den 23 Sport- und Veranstaltungsstätten. Es sind Zahlen, die beeindrucken, angesichts der erlebten Emotionen aber noch nicht die ganze Geschichte erzählen.
Die Special Olympics Nationale Spiele sind nicht nur die größte Multisportveranstaltung Deutschlands für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung, sie waren auch das größte Sportereignis der saarländischen Historie. „Wir wollten daraus gemeinsam unser saarländisches Sommermärchen machen – und das haben wir geschafft“, wendete sich Reinhold Jost, saarländischer Minister für Inneres, Bauen und Sport, auf der Abschlussfeier am Tblisser Platz an die vielen Besucher, winkte in die bunte Menge und richtete vor dem Staatstheater seinen „Dank an alle, die ihren lohnenden Beitrag zum Erfolg der Spiele geleistet haben.“ Nicht nur die Wettkämpfe an 23 Sportstätten zählten dazu, sondern ein üppiges Rahmenprogramm, das mit Familienempfang, dem Wettbewerbsfreien Angebot am SPORTCAMPUS SAAR, dem Special Olympics Festival, dem Healthy Athletes Programm und weiteren Projekten und Veranstaltungen überall in der Gastgeberregion begeisterte.
Mit noch mehr Verantwortung in eine ganz besondere Woche
Der ganz große Druck ist weg, und das ist auch gut so, denn dadurch hat Linnea Weidemann die Möglichkeit, ihr ganz besonderes Heimspiel noch ein wenig mehr zu genießen. Nach einem erfolgreichen Ausflug nach London mit Siegen über Gastgeber England (2:1, 3:0) und Australien (5:1) haben sich die deutschen Hockeydamen in der vergangenen Woche im Nationenwettbewerb Hockey Pro League (HPL) vom letzten Tabellenrang ins Mittelfeld vorgearbeitet. Wenn in dieser Woche auf dem Ernst-Reuter-Sportfeld in Berlin die abschließenden vier Partien anstehen (Spielplan und Modus siehe Infobox), können die „Danas“ den Klassenerhalt in der HPL perfekt machen. Nur der Letzte der Neunergruppe, aktuell England mit drei Punkten Rückstand auf die Deutschen, darf in der kommenden Saison nicht mehr im Kreis der Topnationen mitspielen.
„Die Pro League ist für unsere Entwicklung wichtig, weil sie regelmäßige Spiele gegen die besten Mannschaften der Welt garantiert, an die man sonst wegen des engen internationalen Terminkalenders kaum noch herankommt“, sagt Linnea Weidemann, für die die vier Auftritte in Berlin mehr bedeuten als für alle anderen Akteurinnen im Kader von Bundestrainerin Janneke Schopmann. Die 22 Jahre alte Innenverteidigerin vom Berliner HC, die das Team gemeinsam mit Lisa Nolte (25) vom Düsseldorfer HC als Kapitänin anführt, ist die einzige deutsche Spielerin, die für einen Verein aus der Hauptstadt aktiv ist. Lena Micheel (28), in Berlin geboren und bei Zehlendorf 88 und TuS Lichterfelde ausgebildet, spielt seit vielen Jahren in Hamburg, aktuell für den Großflottbeker THGC.
„Ich habe auf diesem Platz schon gespielt, als es noch Naturrasen war“, erinnert sich Linnea an ihre Anfänge zurück, „deshalb bedeutet es mir sehr viel, diese Chance zu bekommen. Auch wenn wir schon zweimal Pro-League-Spiele in meiner Heimat hatten, ist die Vorfreude auch diesmal riesig. Es ist einfach cool, dass meine Familie und mein Freundeskreis alle dabei sein können.“ Gleichzeitig sei es Ehre und Verpflichtung gleichermaßen, von den Nachwuchsspieler*innen des BHC als Vorbild angesehen zu werden. „Ich glaube schon, dass es für die Kinder eine große Motivation ist zu sehen, wie weit man es auf internationaler Bühne bringen kann. Ich freue mich sehr, dass ich das weitergeben und vielleicht für einige als Idol zur Verfügung stehen kann“, sagt sie.
Als 18-Jährige debütierte sie 2022 bei der WM im A-Kader
Im Fokus zu stehen, das ist mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr für Linnea. Als 18-Jährige debütierte sie bei der Weltmeisterschaft 2022 in den Niederlanden und Spanien, die Deutschland auf Rang vier abschloss, im A-Nationalteam. Nach dem Viertelfinal-Aus bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris gab es einen großen Umbruch im Kader, der die Abwehrstrategin, die in Berlin an einer Partnerhochschule des Olympiastützpunktes Volkswirtschaftslehre studiert, in den Kreis der Arrivierten spülte. „Wir sind deutlich jünger geworden. Die größte Veränderung für mich ist, dass ich nicht mehr das junge Küken bin, das ein bisschen mitspielt. Ich habe mehr Verantwortung, die ich gern trage und auf dem Platz für unser Spiel umsetze“, sagt sie. Wobei der klare Blick, mit dem sie in der Spieleröffnung zu brillieren weiß, auch für ihre Selbsteinschätzung hilfreich ist. „Mir ist bewusst, dass ich das Meiste noch längst nicht perfekt mache und in vielen Situationen lernen kann. Ich mache aber viele Dinge mittlerweile bewusster und nicht mehr aus dem Bauch heraus, ob es Ansagen sind oder das Treffen von Entscheidungen, wie wir spielen wollen. Ich bin lauter und präsenter, ohne dabei mein eigenes Spiel zu vergessen“, sagt sie.
Unter der Niederländerin Schopmann, die im November 2024 das Amt von Valentin Altenburg übernommen hatte, hat sich der Spielstil der „Danas“ durchaus verändert, findet Linnea Weidemann. „Es ist nicht mehr nur klassisches deutsches Hockey mit viel Ballbesitz und klarer Struktur, wir spielen schneller und mit mehr Variabilität“, sagt sie. Der größte Unterschied zwischen Altenburg, der seinen Spielerinnen sehr viele Freiräume zur eigenen Entfaltung ließ, und dessen Nachfolgerin sei, dass es deutlich mehr Vorgaben gebe. „Janneke gibt uns klare Anweisungen, sie hat ihre Vorstellung, wie wir spielen sollen, und zieht das durch.“ Das Feedback der Trainerin sei „sehr klar, manchmal schroff, aber immer ehrlich. Man braucht schon ein gewisses Selbstbewusstsein, um damit klarzukommen. Aber ich will das nicht als Wertung verstanden wissen, wir sind mit ihr in einem guten Austausch.“
Jörg Adami übernimmt Geschäftsführung der DOSB E-Sport gGmbH
Mit der Gründung der DOSB E-Sport gGmbH zum 1. Juni 2026 hat der DOSB eine eigenständige Plattform geschaffen, um sein Engagement an der Schnittstelle von Sport, Gaming und digitaler Kultur partnerschaftlich, werteorientiert und zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln. Mit der Besetzung der Geschäftsführung wird nun der nächste Schritt in der operativen Umsetzung vollzogen.
Jörg Adami verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Leistungssportförderung, Nachwuchsentwicklung und E-Sport. Der 56-Jährige war unter anderem mehr als zehn Jahre Mitglied des Vorstands der Stiftung Deutsche Sporthilfe sowie Mitgründer und Geschäftsführer der „esports player foundation“. Zuletzt begleitete er die Konzeption und Gründung der DOSB E-Sport gGmbH.
„In Jörg Adami gewinnen wir eine Persönlichkeit, die sowohl die Strukturen des organisierten Sports als auch die Dynamiken der digitalen Generation und des E-Sports kennt. Sein Netzwerk, seine Erfahrung in der Talentförderung und seine Fähigkeit, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen, werden entscheidend sein, um die Ziele der DOSB E-Sport gGmbH erfolgreich umzusetzen“, sagt Leon Ries, Vorstand Jugend im DOSB.
Ein Paradies für Fans deutscher Sportgeschichte
Für diese besondere Operation muss Gregor Baldrich ein Paar weiße Stoffhandschuhe überstreifen. Aus einem sorgsam verschlossenen Metallschrank hat er ein schon leicht ramponiertes Kunststoffkästchen gezogen, das er nun, da er bereit ist, dessen Inhalt vor Fingerabdrücken zu schützen, aufklappt. Zum Vorschein kommt ein rundes Stück Metall, das Laien nur schwer als das Schmuckstück identifizieren könnten, das es ist. Baldrich, 60 Jahre alt, von hagerer Statur und mit einem stets etwas verschmitzt wirkenden Lächeln im Gesicht in seinem „Reich“ unterwegs, streicht liebevoll über die Oberfläche und erklärt: „Das ist eine Bronzemedaille der Olympischen Sommerspiele von 1956 in Melbourne.“ Zum Vergleich legt er dem Besucher eine der Medaillen aus Rio de Janeiro in die Hand, die 60 Jahre später an die Drittplatzierten der Sommerspiele ausgeteilt wurden. Wuchtig und schwer kommt diese daher. Früher, denkt man unweigerlich, war also sicherlich nicht alles besser, aber manches leichter.
Gregor Baldrich ist im Deutschen Sport & Olympia Museum (DSOM) verantwortlich für die Leitung der Sammlung. Auf einer Ausstellungs- und Aktionsfläche von mehr als 2.000 Quadratmetern werden im Kölner Rheinauhafen in der Dauerausstellung rund 2.000 Exponate gezeigt. Am Olympic Day, der jährlich am 23. Juni an die Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am 23. Juni 1894 und die Wiedereinführung der Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin in Paris erinnert, ist das Museum stets der Mittelpunkt der deutschen Olympiawelt. Aber weil die Sammlung insgesamt rund 100.000 Objekte umfasst, hatte der DOSB anlässlich des diesjährigen Olympic Days um einen Termin im Zentraldepot im Kölner Stadtteil Mülheim gebeten, um einmal zu ergründen, welche Schätze der sportinteressierten Öffentlichkeit aus Platzgründen nicht präsentiert werden können. Und Gregor Baldrich ist der Mann, der sich in dem 800 Quadratmeter einnehmenden Paradies für Enthusiast*innen der Sporthistorie auskennt wie niemand sonst.
Seit März lagern alle Exponate in einem Zentraldepot
Dass über den gesamten Raum verteilt noch Dutzende nicht ausgepackter Kartons stehen, bittet er gleich beim Betreten zu entschuldigen. Erst im März war der Umzug abgeschlossen worden, der sich über mehrere Monate hinzog, nachdem die Exponate viele Jahre über mehrere kleine Depots verteilt gewesen waren. „Jetzt haben wir alles an einem Ort beisammen, was eine zentrale Sicherheit, bessere Forschungsmöglichkeiten und auch eine zentrale Anfahrt bietet. Aber es wird noch etwas dauern, bis hier alles in Ordnung ist“, sagt er. Wobei ein Depot doch grundsätzlich lebendig wirkt, wenn ein wenig Unordnung herrscht, weil dann sichtbar wird, dass die Sammlung ständiger Veränderung ausgesetzt ist. Aber Gregor Baldrich, der seit 20 Jahren im DSOM arbeitet, ist ein Freund davon, sich schnell zurechtfinden zu können. Jedes Exponat ist nummeriert und archiviert, zu jedem, das er entgegennimmt, notiert sich Baldrich dessen Geschichte.
Die Idee, ein Museum für die deutsche Olympiageschichte zu errichten, war 1972 im Rahmen der Sommerspiele in München entstanden. Das erste Sammlungskonvolut steht im Kontext des 11. Olympischen Kongresses vom 23. bis 28. September 1981 im Kurhaus von Baden-Baden, der mit der Beendigung des klassischen Amateurstatus und der Öffnung Olympischer Spiele für Profis Sportgeschichte schrieb. Dort gab es eine Ausstellung, Teile dieser fanden Einzug in die Sammlung des Museums. „Zunächst wurde breit gestreut gesammelt, später dann zielorientierter, bis 1999 das passende Gelände gefunden war und das Museum eröffnen konnte“, sagt Gregor Baldrich.
Die Exponate kommen aus vier Hauptquellen
Aus vier Hauptquellen speist sich seit 45 Jahren der Bestand. Entweder überlassen Athlet*innen oder andere Funktionsträger*innen dem Museum einige Objekte oder die Gesamtheit ihres Besitzes als Leihgabe oder Schenkung, oder Hinterbliebene vermachen nach dem Ableben der Besitzer deren Hab und Gut dem DSOM, das Gregor Baldrich manchmal auch persönlich abholt. Hat ein Objekt einen besonderen, meist ideellen Wert für die Sammlung, wird auch bei Auktionen zugekauft. Mittel dafür stehen, wie auch für den Betrieb des Museums und die Lagermiete, dank der Förderung des DOSB und des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch die Einnahmen an der Museumskasse zur Verfügung.
Die vierte und verlässlichste Quelle ist die Mitgliedschaft des Museums im Olympic Museums Network, das 2006 am IOC-Sitz in Lausanne (Schweiz) gegründet wurde mit dem Ziel, 36 Olympiamuseen weltweit untereinander zu vernetzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, an begehrte Erinnerungsstücke wie Medaillen und Fackeln der unterschiedlichen Ausgaben der Olympischen Spiele zu kommen. In seiner Dauerausstellung präsentiert das DSOM zahlreiche Fackeln seit 1936, als für die von den Nazis vereinnahmten Heimspiele in Berlin die Idee des Fackellaufs geboren wurde. In zwei Metallschränken lagern in Köln-Mülheim auch diverse Fackeln von Winterspielen und Paralympics. „Für die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki wurden nur 22 Fackeln produziert. Davon eine zu besitzen, ist sehr besonders. Heute werden große Mengen von Fackeln produziert, denn alle Teilnehmenden des Fackellaufs dürfen ihr Exemplar behalten“, sagt Gregor Baldrich.
Sportfördergesetz auf der Zielgeraden
Nach mittlerweile vier Jahren intensiver Arbeit an der Spitzensportreform stehen die entscheidenden Wochen an: Noch vor der parlamentarischen Sommerpause Mitte Juli will der Bundestag das Sportfördergesetz beschließen. Damit steht die Neuordnung des Spitzensportsystems in Deutschland kurz vor dem Abschluss. Das Parlament schafft mit dem Sportfördergesetz erstmals auf Bundesebene eine eigenständige gesetzliche Grundlage für die Förderung und Steuerung des Leistungssports.
Das Sportfördergesetz und die geplante Spitzensportagentur können echte „Gamechanger“ für mehr Effizienz, mehr Flexibilität und mehr Verlässlichkeit im deutschen Spitzensportsystem sein. Um diese Ziele zu erreichen, muss das Gesetz aber noch an zentralen Stellen nachjustiert werden. Anlässlich der Sachverständigenanhörung des Ausschusses für Sport und Ehrenamt am kommenden Mittwoch legt der DOSB konkrete Verbesserungsvorschläge für das Sportfördergesetz vor und appelliert an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, diese Vorschläge aufzugreifen und den Paradigmenwechsel im Spitzensport damit konsequent umzusetzen.
Die Forderungen des organisierten Sports
Ein zentraler Punkt ist die klare Verankerung der Finanzierungszuständigkeit des Bundes im Gesetz. Ohne ein eindeutiges Bekenntnis drohen weiterhin Unsicherheiten und mögliche Finanzierungslücken. Ziel ist es, die Spitzensportförderung von einer freiwilligen Aufgabe zu einer verbindlichen staatlichen Leistung weiterzuentwickeln. Damit würde nicht nur die langfristige Planung für Verbände gestärkt, sondern auch die Bedeutung des Spitzensports im nationalen Kontext – auch mit Blick auf die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland – gesetzlich unterstrichen.
Darüber hinaus fordert der organisierte Sport eine Sitzverteilung im Stiftungsrat der geplanten Spitzensportagentur, die die Augenhöhe von Politik und Sport gewährleistet. Um diese tatsächlich umzusetzen, muss das strukturelle Ungleichgewicht zulasten der Sports im Aufsichtsgremium durch einen zusätzlichen Sitz reduziert werden.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Rolle des Bundesverwaltungsamtes. Das klare Ziel des Gesetzes ist es, die Anzahl der entscheidungsbeteiligten Akteure zu reduzieren. Dafür wäre eine Klarstellung notwendig, dass das BVA lediglich eine Dienstleistungsfunktion für die Agentur übernehmen soll. Die derzeitige Ausgestaltung im Gesetzentwurf bleibt diesbezüglich unklar, so dass auch die Weiterführung der aktuellen Rolle als Bewilligungsbehörde interpretierbar bleibt.
Auch die Frage der Entscheidungsbefugnisse innerhalb der Spitzensportagentur spielt eine zentrale Rolle. Der DOSB fordert, dass die Kompetenz zur Festlegung von Förderkonzepten und -richtlinien beim Vorstand der Spitzensportagentur liegen muss. Nur so können die Agenturverantwortlichen die intendierte Gestaltungsaufgabe tatsächlich wahrnehmen. Eine Verlagerung dieser operativen Entscheidungen auf das Aufsichtsgremium würde die Unabhängigkeit der Vorstände und damit der Agentur maßgeblich einschränken.
Bürokratieabbau muss vorangetrieben werden
Beim Thema Bürokratieabbau sieht der organisierte Sport ebenfalls noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Zwar enthält der Gesetzentwurf erste Ansätze, etwa durch mehrjährige Fördermöglichkeiten und Verbandsbudgets, doch gehen diese aus Sicht des DOSB nicht weit genug. Gefordert werden unter anderem vereinfachte Verfahren, Ausnahmen vom Besserstellungsverbot, eine stärkere Digitalisierung sowie die Festbetragsfinanzierung als Regelfall.
Schließlich spricht sich der DOSB für eine Änderung bei der Wahl des Stiftungsratsvorsitzes aus. Der Gesetzentwurf sieht diesen derzeit beim Bundeskanzleramt. Stattdessen plädiert der organisierte Sport für eine Wahl aus dem Kreis der vom Bund entsandten Mitglieder, um die demokratische Legitimation zu stärken – insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Vorsitz bei Stimmengleichheit eine entscheidende Rolle spielt.
Spitzensport ist nur dann erfolgreich, wenn unsere Athlet*innen ein stabiles Umfeld vorfinden. Deshalb müssen in einem weiteren Schritt die soziale Absicherung der Athlet*innen gestärkt, die Rahmenbedingungen für Trainer*innen verbessert und Investitionen in die Zukunftsfähigkeit von Spitzensportstätten getätigt werden.
Kein Gesetz verlässt den Bundestag so, wie es hineingekommen ist
Das Sportfördergesetz hat auf seinem Weg hin von ersten Eckpunktepapieren über Referentenentwürfe bis hin zum jetzt vorliegenden Gesetzentwurf zahlreiche Änderungen erfahren und Anregungen des organisierten Sports aufgenommen. Jetzt gilt es auf den letzten Metern noch den Feinschliff vorzunehmen. Das „Struck´sche Gesetz“, wonach kein Gesetz den Bundestag so verlässt, wie es hineingekommen ist, wird auch dieses Mal Anwendung finden.
Am kommenden Mittwoch findet mit der Sachverständigenanhörung im Ausschuss für Sport und Ehrenamt die letzte Beteiligungsmöglichkeit für Verbände statt. Vertreter*innen aus dem organisierten Sport, von Trainerverbänden und Athletenvereinigungen erhalten die Möglichkeit, den Gesetzentwurf fachlich zu bewerten und Änderungsvorschläge zu unterbreiten. Für den DOSB wird Dr. Olaf Tabor, Vorstand Leistungssport, teilnehmen. Die Abgeordneten erhalten die Möglichkeit, gezielt nachzufragen und ein breiteres Meinungsbild zu erhalten. Die Anhörung dient dazu, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen und die Grundlage für mögliche Anpassungen im weiteren parlamentarischen Verfahren zu schaffen. Sie ist damit ein zentrales Element, in dem sich entscheidet, welche der vorgebrachten Argumente und Vorschläge in die finale Fassung des Gesetzes einfließen.
Nach der Anhörung werden die Berichterstatter der Koalitionsfraktionen die möglichen Änderungen beraten und der Ausschuss für Sport und Ehrenamt noch in der kommenden Woche oder in der letzten Sitzungswoche vor Sommerpause im Juli in einer sogenannten Beschlussempfehlung den Gesetzentwurf abändern. Die Zustimmung des Bundestages in zweiter und dritter Lesung ist dann der finale Schritt, dieser kann auch in der Juli-Sitzungswoche stattfinden. Der Bundesrat wird das Gesetz dann vermutlich erst im September abschließend beraten.
Sterne des Sports: Vier gute Gründe für deine Bewerbung
Finanzielle Unterstützung für dein Engagement
Gutes Engagement braucht starke Rahmenbedingungen. Bei den „Sternen des Sports“ winken attraktive Preisgelder von insgesamt bis zu 14.000 Euro. So kannst du deine Vereinsarbeit weiterentwickeln, neue Projekte anstoßen und deine Ideen nachhaltig stärken.
Das zeigt der Preisträger aus dem letzten Jahr: Die Turngemeinde Herford von 1860 hat ihre ausgezeichnete Initiative „Vereinsheld 2025 – Unsere Zukunft ist Ehrenamt“ gezielt weiterentwickelt. Das Preisgeld floss direkt in neue NextGen-Stipendien für engagierte junge Menschen ab 13 Jahren und stärkt so den Nachwuchs im Ehrenamt ganz konkret.
DOSB-Wissenschaftspreis: Bewerbung noch bis 31. Juli möglich
Damit setzt der DOSB die Tradition des Carl-Diem-Wettbewerbs fort, den der Deutsche Sportbund seit 1953 durchgeführt hat. Die preisgekrönten Arbeiten der Preisträger*innen legen ein eindrucksvolles Beispiel der hohen sportwissenschaftlichen Forschungsleistungen ab. Die letzte Verleihung des Preises fand am 31. Januar 2025 im Rahmen einer Festakademie im Haus des Sports statt.
Die Ausschreibung für den aktuellen Wettbewerb um den DOSB-Wissenschaftspreis 2025/2026 ist seit Herbst 2025 veröffentlicht. Als Wettbewerbsbeitrag können sportwissenschaftliche Arbeiten in deutscher oder englischer Sprache eingereicht werden, die seit 2024 an einer deutschen Universität als Promotions- oder Habilitationsleistung angenommen wurden. Zudem haben Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft oder einem sportwissenschaftlichen Abschluss an einer deutschen Universität die Möglichkeit, vergleichbare Qualifikationsarbeiten einzureichen, sofern diese an einer Universität außerhalb Deutschlands anerkannt wurden. Der DOSB möchte mit seinem Wissenschaftspreis insbesondere Arbeiten anregen, die aktuelle Fragen des organisierten Sports thematisieren. Einsendeschluss ist der 31. Juli 2026.
Die Auszeichnung der Preisträger*innen und die Verleihung des DOSB-Wissenschaftspreises 2025/2026 nimmt voraussichtlich der DOSB-Präsident im Rahmen einer Festakademie Anfang des Jahres 2027 vor.
„Der Mehrwert der Europaspiele wird nach und nach allen klarer“
DOSB: Peter, in genau einem Jahr sollen in Istanbul die 4. Europaspiele starten, die vom 16. bis 27. Juni in der Türkei stattfinden sollen. Wie ist der Stand der Vorbereitung?
Peter Brüll: Natürlich kann man immer sagen, dass man früher mit den Planungen hätte beginnen können. Zeitdruck gibt es in fast jedem Projekt. Aber wenn ich einbeziehe, dass wir erst im vergangenen Jahr den Host-City-Vertrag unterschrieben haben, kann ich sagen, dass das türkische Organisationskomitee einen wirklich guten Job macht. Sie haben viel Erfahrung als Ausrichter von Sportgroßveranstaltungen. Vielleicht nicht mit Multisportevents, aber die Türkei richtet viele Weltcups, Europa- oder Weltmeisterschaften aus. Aus meiner Sicht arbeiten alle relevanten Ebenen sehr gut zusammen, so dass ich zuversichtlich bin, dass ausreichend Zeit und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, um alles pünktlich fertigzustellen und sehr gute Spiele durchzuführen.
Was sind auf dem Weg bis zum Start die wichtigsten organisatorischen Hürden, die noch genommen werden müssen?
Noch sind viele Dinge zu erledigen, da geht es um die Auswahl der Venues, um Transportinfrastruktur und auch um finanzielle Strukturen. Aber das ist normal zu diesem Zeitpunkt. Das Wichtigste ist, die richtigen Menschen in die notwendigen Positionen zu bringen und miteinander zu verbinden. Damit steht und fällt eine solche Organisation.
Was lässt sich Stand heute zu den Ausmaßen der Veranstaltung sagen? Wie viele Athlet*innen werden erwartet, wie viele Sportarten werden im Programm sein und auf welche ikonischen Standorte dürfen sich die Fans freuen?
Da sich immer kleine Anpassungen ergeben können, bitte ich zu beachten, dass es sich um den Status Quo handelt. Aktuell planen wir mit 26 Sportarten, 22 davon aus dem olympischen Programm. Wir werden rund 7500 Athlet*innen in Istanbul begrüßen, was ein Rekordwert ist. 2023, bei der bislang letzten Ausgabe in Krakau, waren knapp 6900 Sportler*innen dabei. Was die Austragungsstätten angeht, bitte ich noch um etwas Geduld. Ich kann aber versprechen, dass es, wie 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris, einige ikonische Stätten geben wird. Istanbul bietet für Sportarten wie 3x3 Basketball, Sportklettern oder auch Squash in gläsernen Courts herausragende, monumentale Spots, die dafür sorgen werden, dass auch die Promotion für die Stadt nicht zu kurz kommen wird.
Für 21 der 22 olympischen Sportarten sind in Istanbul Wettkämpfe zur Olympiaqualifikation vorgesehen. Welchen sportlichen Stellenwert haben Europaspiele mittlerweile, und wie ist es gelungen, diesen kontinuierlich zu erhöhen?
Ich freue mich sehr, dass auch die Außenwirkung der Europaspiele mittlerweile so ist, dass die steigende Bedeutung des sportlichen Werts wahrgenommen wird. Istanbul ist Gastgeber der erst vierten Ausgabe, wir stehen im Vergleich zu anderen Kontinentalwettkämpfen noch immer am Anfang. Dennoch haben wir Interesse von viel mehr Verbänden, als wir ins Programm aufnehmen könnten. Ich glaube, dass unser Narrativ, ein direkter Qualifikationswettbewerb für die Olympischen Spiele zu sein, mittlerweile gut verfängt und dafür sorgt, dass die Fachverbände und die NOKs als unsere Mitglieder zunehmend Interesse an dem Format European Games entwickeln. Wir werden in Istanbul 122 direkte Plätze für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles ausloben, dazu kommen viele Wettkämpfe mit hoher Relevanz für die Olympia-Ranglisten. Das unterstreicht die sportliche Bedeutung und gibt uns berechtigte Hoffnung, dass die besten Athlet*innen in Istanbul antreten werden.
Die Türkei gilt als aufstrebende Sportnation. Welche Bedeutung hat die Ausrichtung der Europaspiele für die Gastgeber?
Bei den Paris-Spielen ist die Türkei mit acht Medaillen, keine davon in Gold, auf Rang 64 des Medaillenspiegels weit hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Deshalb haben Politik und Sport gemeinsam an ihren Zielstellungen gefeilt und versucht zu ergründen, wie sich die Ergebnisse verbessern lassen. Ein wichtiges Element in ihrer neuen Strategie ist es, als Ausrichter großer Events die Chancen zu erhöhen, dass türkische Athlet*innen erfolgreicher sein können. Als Gastgeber dürfen die Türken in jeder Sportart bei den Europaspielen antreten und haben dadurch mehr Möglichkeiten, um sich für Los Angeles zu qualifizieren. Und je mehr Sportler*innen antreten, desto höher dürften die Chancen sein, dann auch bei Olympia erfolgreicher zu werden. Außerdem sind die Europaspiele auch für die öffentliche Wahrnehmung wichtig. Die Türkei plant, sich für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele zu bewerben. Im kommenden Jahr wollen sie der Welt zeigen, dass sie zu Großem in der Lage sind, und in diesem Puzzle sind die Europaspiele ein wichtiges Teil.
Auf der EOC-Generalversammlung im vergangenen Jahr in Frankfurt am Main hat der damalige Bürgermeister Ekrem Imamoglu für die Veranstaltung geworben. Kurz darauf wurde er wegen angeblicher Korruption und Terrorismusunterstützung verhaftet und befindet sich weiterhin im Gefängnis. Welche Probleme hat das verursacht und wie ist die politische Situation aktuell einzuschätzen?
Ich möchte die politische Situation in der Türkei nicht kommentieren. Was ich bestätigen kann: Die Stadt Istanbul und die türkische Regierung haben sich über die vergangenen Monate als sehr verlässliche Kooperationspartner erwiesen. Das zeigt uns, dass auf dem Feld des Sports Zusammenarbeit trotz manch politischer Kontroverse sehr gut möglich ist.
„Schwimmen ist eine Lebenskompetenz, die jeder Mensch erwerben sollte“
DOSB: Jan, der Bund hat für dieses Jahr 250 Millionen Euro für die Sanierung von Schwimmbädern in Aussicht gestellt. Freut man sich als DSV-Vorstandsvorsitzender darüber, oder sieht man schon jetzt eher die vielen Bäder, die trotzdem leer ausgehen werden?
Jan Pommer: Zunächst einmal freuen wir uns darüber sehr, weil es in Zeiten knapper Kassen nicht selbstverständlich ist, dass finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das kaschiert aber selbstverständlich nicht die Tatsache, dass der Gesamtbedarf für die Sanierung von Schwimmbädern in Deutschland um ein Vielfaches höher liegt. Unterschiedliche Schätzungen gehen von einer Summe bis zu zehn Milliarden Euro aus. Die Notwendigkeit für einen neuen Goldenen Plan ist offenkundig hoch.
Was ist bei der Verteilung der Gelder aus dem Sondervermögen aus deiner Sicht für die Schwimm-Infrastruktur besonders zu beachten?
Wir haben uns stark dafür eingesetzt, dass die Antragsverfahren so einfach wie möglich gestaltet werden und dass auch Vereine selbst diesen eigenständig anmelden können und nicht über ihre Kommune gehen müssen. Außerdem ist uns sehr wichtig, dass in dieser ersten Tranche vor allem Bäder saniert werden, die eine wichtige Rolle für das Schwimmenlernen spielen. Natürlich freuen wir uns auch über moderne Spaßbäder, aber die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung ist das Fundament, das wir dringend stärken müssen. Dafür braucht es funktionsfähige Lehrschwimmbecken, deshalb drängen wir darauf, dass es hier eine Priorisierung der Mittel geben kann und vor allem solche künftig errichtet werden.
Der DSV hat weiterhin mehr als 600.000 Mitglieder, auch die Zahl der Vereine ist leicht gestiegen. Wie groß sind die Probleme, diesen Menschen verlässlich die Möglichkeit zu bieten, Schwimmsport zu betreiben?
Diese Frage möchte ich zweigeteilt beantworten. Auf der einen Seite müssen all jene Vereine, die keine eigenen Bäder betreiben, sehr hart um entsprechende Wasserzeiten kämpfen. Dabei stehen sie im Wettbewerb mit anderen Stakeholdern und werden auch mit den kommunalen Finanznöten konfrontiert. Wir haben natürlich Verständnis dafür, dass alle Seiten sehen müssen, wie sie ökonomisch tragfähig arbeiten. Aber in diesem Wettbewerb muss die Vereinsarbeit priorisiert werden. Das schadet sonst den Vereinen und damit auch all den Menschen, die ihren Schwimmsport nicht wie erwünscht ausüben können. Auf der anderen Seite haben wir ein grundsätzliches Problem, weil in Deutschland ganz einfach viel zu wenige Wasserflächen zur Verfügung stehen. Jedes Jahr schließen Bäder und werden auch nicht wieder eröffnet, auch weil der Betrieb fälschlicherweise als „Groschengrab“ gilt. Diesen Problemen stellen wir uns, aber wir schaffen das nicht allein.
Die Zahlen der Menschen, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich, die nicht schwimmen lernen, sind alarmierend. Was kann der DSV noch unternehmen, damit all die Appelle, die immer wieder von euch ausgehen, nicht ungehört bleiben?
In der Tat ist der Status Quo schlecht. Jedes Jahr verlassen rund 500.000 Kinder die Grundschulen, ohne sicher schwimmen zu können. Die gute Nachricht ist aber, dass man dagegen durchaus vieles tun kann. Wir können mehr Angebote schaffen und besser, vor allem zielgerichteter dafür werben, damit diese auch bekannt werden. Uns geht es darum, allen Menschen klarzumachen, dass Schwimmen eine Lebenskompetenz ist, die jeder erwerben sollte. Aber natürlich auch, dass es ein wunderbarer Sport ist, der vom Kleinkind bis zum Greis ausgeübt werden kann. Wir müssen unsere Angebote noch niedrigschwelliger zugänglich machen. Außerdem müssen wir mehr Übungsleitende ausbilden. Dazu sprechen wir gerade mit dem Bund über eine Förderung, die das unterstützen könnte. Als letzten Punkt möchte ich die Chance herausstreichen, die uns die flächendeckende Umstellung auf den Ganztag in den Schulen bietet. Wenn wir mit allen daran beteiligten Institutionen gut und unkompliziert kooperieren, können wir darüber das Schwimmenlernen einer viel breiteren Zielgruppe näherbringen.
Wie steht Deutschland eigentlich im internationalen Vergleich da? Wie ist es um die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung statistisch bestellt?
Im europäischen Vergleich stehen wir leider nicht gut genug da, da waren wir schon besser und wollen unbedingt auf diesen Standard zurück. Weltweit gibt es sicherlich viele Regionen, in denen die Kulturtechnik Schwimmen nicht zur Selbstverständlichkeit gehört.
„Das Gefühl von Schwerelosigkeit und Freiheit im Wasser ist durch nichts zu ersetzen“
Wasser war schon immer mein Element, zumindest so lange meine Erinnerung zurückreicht. Ich war eins dieser Kinder, das man mit blauen Lippen aus dem Wasser ziehen musste, weil ich einfach nicht genug vom Schwimmen bekommen konnte. Ich habe es geliebt, bei uns in Bruchköbel, wo ich aufgewachsen bin, im Freibad die Wasserrutsche hinunterzurasen, vom Sprungturm zu springen und endlos im Wasser zu plantschen. Zum Glück hatte ich eine Oma, die mich zwar nicht ins kalte Wasser geworfen, aber mich doch sorgenfrei hineinspringen hat lassen. Und einen Papa, mit dem ich jeden Sonntag ins Schwimmbad gehen konnte. Irgendwann, ich muss acht Jahre alt gewesen sein, wollte ich unbedingt die ganzen Schwimmabzeichen erwerben und habe an einem Tag die Prüfungen für Silber und Gold hintereinander abgelegt. Da sagte der Bademeister zu meinem Vater: „Vielleicht sollten Sie das Mädchen mal in einen Schwimmverein geben!“
Das war allerdings auch schon zu Beginn der 2000er-Jahre nicht ganz so einfach. Unser Heimatverein hatte sechs Monate Wartezeit. Also bin ich zu unserem DLRG-Ortsverein gegangen und habe dort trainiert. Das Training fand manchmal parallel mit den „normalen“ Schwimmern statt, und weil die Vereinstrainer sahen, was ich schon konnte, haben sie Gnade walten lassen und mich in der Warteliste vorgezogen, so dass ich doch recht bald ein Probetraining absolvieren durfte. Das war der Beginn einer Leidenschaft, aus der viel mehr wurde als ein Hobby.
Was für mich die Faszination des Schwimmens ausmacht, kann ich bis heute ganz deutlich beschreiben. Es ist dieses Gefühl von Schwerelosigkeit und die Möglichkeit, in eine ganz eigene Welt abzutauchen. Wir alle tragen einen imaginären Rucksack mit uns herum, der mit unseren To-Dos, Sorgen und Belastungen gefüllt ist. Für mich war das Schwimmen immer das beste Rezept, um die Sorgen des Alltags – ob es Ärger im Freundeskreis war oder das Lernen für die Schule oder das Studium – hinter mir zu lassen. In dem Moment, in dem ich das Wasser über mir zusammenfließen sah und nur noch das Rauschen in meinen Ohren hörte, hatte ich ein Gefühl von Freiheit, das durch nichts zu ersetzen ist. Es gibt mittlerweile Tage, an denen ich nur für 500 Meter ins Schwimmbad fahre. Für eine ehemalige Leistungsschwimmerin ist das eine Distanz, für die eigentlich das Umkleiden nicht lohnt. Aber ich weiß, dass es mir guttut.
Wasser sollte niemals bedrohlich sein
Mir ist bewusst, dass gerade freie Gewässer, bei denen man nicht auf den Grund schauen kann, manchen Menschen Unbehagen und sogar Angst bereiten. Ich bin dankbar dafür, dass das bei mir nie der Fall war. Wasser sollte, sofern man sich mit den Gefahren auseinandersetzt, die Wettereinflüsse wie Sturm oder Gewitter mit sich bringen, niemals bedrohlich sein. Während meiner Leistungssportkarriere bin ich in der Freizeit tatsächlich nie ins Schwimmbad gefahren, sondern habe nur in Seen oder im Meer gebadet, weil ich abseits des Sports Wasser zur Entspannung nutzen wollte. Aber ich habe Wasser niemals als etwas betrachtet, das in mir Ablehnung hervorruft, sondern immer die Freiheit genossen, die es mir ermöglicht.
Dass aus meiner Leidenschaft ein Beruf wurde, war rückblickend eine logische Entwicklung. Ich bin bewusst Stufe um Stufe nach oben geklettert. Der Fakt, dass Schwimmen für mich mit Leistung verbunden war, hat zu keiner Zeit dazu geführt, dass ich den Spaß daran verloren habe. Mental war ich immer bereit dazu, mein Bestes zu geben. Es mag manche überraschen, aber ich habe 95 Prozent meiner Trainingseinheiten positiv empfunden. Zu sehen, was sich aus dem Körper herauskitzeln lässt, wenn man mit der notwendigen Disziplin ans Werk geht, hat mich immer fasziniert. Es gibt ja dieses Klischee, dass Schwimmtraining vor allem langweilig ist. Natürlich ist es nur ein Mythos, dass wir die Kacheln zählen. Im Training muss man immer fokussiert sein. Aber wenn man stumpf seine Ausdauerbahnen zieht, können die Gedanken schon mal abschweifen. Ich habe dann meist darüber nachgedacht, was ich noch einkaufen muss oder wen ich schon lange mal wieder anrufen wollte. Und irgendwie war das immer entspannend.
„Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist“
DOSB: Martin, die Zahl der Badetoten rüttelt nach jedem Sommer die Menschen auf, 2025 waren es wieder fast 400. Was umfasst diese Statistik eigentlich alles genau?
Martin Holzhause: Die Bezeichnung Badetote ist tatsächlich etwas irreführend, weil viele denken, dass es sich dabei um Menschen handelt, die beim Baden verunglücken. Tatsächlich sind in der Statistik alle tödlichen Unfälle im Wasser enthalten. Das bezieht also auch Wassersport mit ein, ebenso diejenigen, die vom Ufer ins Wasser stürzen, weil sie zum Beispiel betrunken sind, und dann ertrinken. Allerdings sind tatsächlich viele der Fälle Badeunfälle, die Mehrzahl ereignet sich zwischen Mai und Ende August. Sobald Sommerwetter einsetzt und es die Menschen ans Wasser zieht, geht es los. Dieses Jahr hatten wir über Pfingsten, als in ganz Deutschland hochsommerliche Temperaturen herrschten, mehr als 20 tödliche Unfälle. Darunter waren zum Beispiel Menschen, die sich nach dem Sporttreiben im Wasser abkühlen wollten. Erstaunlicherweise trifft es immer noch verhältnismäßig viele junge Männer, was sicherlich auch daran liegt, dass sich diese Gruppe in besonderem Maße selbst über- und Gefahren unterschätzt.
In jedem Jahr warnt die DLRG vor diesen Gefahren, die beim Baden insbesondere in Naturgewässern lauern. Welche sind aus deiner Sicht besonders relevant?
Generell lässt sich sagen, dass überall dort, wo Personal Aufsicht führt und aufpasst, also in Schwimmbädern oder an bewachten Seen und Stränden, deutlich weniger Unfälle passieren. Die Gefahren lauern größtenteils dort, wo Menschen unbeaufsichtigt ins Wasser gehen. Besondere Relevanz hat das Thema Selbstüberschätzung. Um Unfälle zu vermeiden, sollte man nie übermütig sein und seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen. Drei fatale Fehler beobachten wir besonders häufig. Erstens: Menschen geben ihrem Körper zu wenig Zeit, um sich an kaltes Wasser zu gewöhnen. Gerade in den frühen Monaten, wenn die Temperaturen plötzlich ansteigen, ist das Wasser schon kurz unter der aufgeheizten Oberfläche noch sehr kalt. Wer dann überhitzt in dieses Wasser springt, belastet seinen Kreislauf stark. Besser ist, langsam ins Wasser zu steigen und den Temperaturunterschied gemäßigt zu überwinden. Das bewahrt im Übrigen auch davor, kopfüber in zu seichtes Wasser zu springen und dadurch Verletzungen bis hin zu dauerhafter Lähmung zu riskieren. Zweitens: Menschen neigen öfter dazu, zu weit auf ein Gewässer hinauszuschwimmen und nicht daran zu denken, dass auch noch der Rückweg absolviert werden muss. Oder sie unterschätzen die Strömung in fließenden Gewässern. Es sind sehr selten geübte Schwimmer, die ertrinken, sondern meist solche, die selten schwimmen und sich dann überschätzen. Unser Rat lautet deshalb, immer in Ufernähe zu bleiben. Und für Wassersportler gilt, dass sie immer an die eigene Sicherheit denken und eine Schwimmweste tragen sollten. Viele kaufen sich im Sommer zum Beispiel ein SUP-Board, kennen aber die Regeln für den sicheren Umgang damit nicht und werden dann überrascht, wenn sie ins Wasser fallen. Und drittens, die größte Gefahr: Alkoholkonsum vor dem Baden! Alkohol birgt mehrere Risiken, er trübt die Wahrnehmung, verlangsamt die Reaktionszeit, macht uns übermütiger und belastet den Kreislauf. Wer also mehr will, als nur im seichten Wasser plantschen, sollte die Finger von Alkohol lassen!
Der Klimawandel bringt mit deutlich höheren Temperaturen und durch Starkregen und Gewitter beeinträchtigten Gewässern weitere Herausforderungen mit sich. Wie hat sich die DLRG darauf eingestellt?
Auf mehreren Ebenen. Im Sinne des Bevölkerungsschutzes bilden wir Spezialisten für schnell strömende Gewässer aus, die im Fall von Überschwemmungen besser auf solche Lagen reagieren können. Zudem registrieren wir dadurch, dass es immer wärmer wird, eine deutliche Zunahme an Hitzetagen, die die Unfallwahrscheinlichkeit stark erhöhen. Die Menschen sind früher als vor zehn, 20 Jahren draußen unterwegs, die Aufenthaltsdauer am Wasser erhöht sich deutlich. Wir versuchen, darauf präventiv zu reagieren, indem wir mehr Personal einsetzen und die Menschen auch auf die zunehmenden Gefahren durch Klimaeinflüsse hinweisen.
Wie groß schätzt du die Gefahr ein, dass Menschen angesichts der vielen Warnungen das Vertrauen in das Element Wasser verlieren, und wie kann man dem entgegenwirken?
Unser Ansatz ist ja gerade, den Menschen zu vermitteln, dass sie sich mit dem Thema Schwimmen auseinandersetzen sollen. Das Element Wasser wirkt ja vor allem dann bedrohlich, wenn man zu wenig über den richtigen Umgang damit gelernt hat. Es ist unsere Pflicht, auf die Probleme hinzuweisen und die Phasen zu skizzieren, in denen die Unfallgefahr am höchsten ist. Aber wir tun dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit dem Fokus auf Problemlösungen, um den Menschen die Sorge vor dem Schwimmen zu nehmen. Es werden sich nie alle Unfälle vermeiden lassen, aber mit nachhaltiger Aufklärung können wir zumindest erreichen, dass es nicht von Jahr zu Jahr mehr werden. Im internationalen Vergleich haben wir eine Bevölkerung mit hoher Schwimmkompetenz, auch die Kinder können im weltweiten Vergleich gut schwimmen. Aber wir waren schon deutlich besser, und da wollen wir wieder hin.
Es gibt ja eine ganze Reihe an Hilfsmitteln, die Menschen beim Baden vorm Ertrinken schützen können, zum Beispiel mobile Schwimmsäcke. Welche davon hält die DLRG für zielführend, welche kann man sich sparen?
Im Freiwasser führen einige Menschen eine Boje mit sich, an der sie sich festhalten können, wenn sie zum Beispiel einen Krampf erleiden und sich im Wasser davon erholen müssen. Auch die mobilen Schwimmsäcke, die Menschen an der Wasseroberfläche halten sollen, können eine Hilfe sein. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass Menschen sich vor einem geplanten Schwimmausflug ein Hilfsmittel zulegen und sich dann zu große Distanzen vornehmen in dem Glauben, mit dem Hilfsmittel sicher zu sein. Unsere Botschaft ist deshalb ganz klar: Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist. Wer nicht regelmäßig schwimmen geht, muss langsam anfangen und sich kleine Distanzen vornehmen.










