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„Wir werden bereit sein, wenn die Welt zu Besuch kommt“
Als Gegenspieler war Humphrey Kayange gefürchtet. Seine beeindruckenden Körpermaße – 198 Zentimeter lang, 105 Kilogramm Kampfgewicht – wusste der Kenianer im 7er-Rugby gewinnbringend einzusetzen. Er ist der drittbeste Scorer seines Heimatlandes, das er als Kapitän anführte, in dessen Rugby-Geschichte. Als Gesprächspartner ist der 43-Jährige dagegen alles andere als furchteinflößend. Im DOSB-Interview lacht der organische Chemiker, der seit Frühjahr 2025 der Coordination Commission des IOC für die Olympischen Jugendspiele in Dakar (Senegal/31. Oktober bis 13. November) vorsteht, viel und freundlich. Und er schafft es mühelos, die Vorfreude auf das erste IOC-Event auf dem afrikanischen Kontinent über das Internet nach Deutschland zu übertragen.
DOSB: Humphrey, Dakar 2026 wird das erste olympische Großevent der Sportgeschichte auf dem afrikanischen Kontinent sein. Was ist die wichtigste Botschaft, die du dir von diesen Spielen erhoffst?
Humphrey Kayange: Diese Botschaft lautet: Alles ist möglich! Wir reden schon sehr lange darüber, wann Afrika bereit sein kann, ein olympisches Event auszurichten. Nun ist es endlich so weit, und ich bin mir sicher, dass die Erfahrungen, die wir machen werden, den gesamten Kontinent nach vorn bringen werden. Für mich ist es eine große Ehre, das miterleben und meinen Teil dazu beitragen zu können.
Als ehemaliger Olympionike: Was bedeutet es für Athlet*innen aus Afrika, dass die olympische Bewegung nun erstmals auch auf ihrem Kontinent ankommt?
Als langjähriger Leistungssportler weiß ich, wie bereichernd es ist, in alle Teile dieser Welt reisen und dort über den Sport, der die Menschen vereint, Kontakte knüpfen zu können. Für die afrikanischen Athletinnen und Athleten ist es etwas sehr Besonderes, diesmal diejenigen zu sein, die als Gastgeber die Welt empfangen. Es wird ihnen ihr Leben lang in Erinnerung bleiben und viel Antrieb dafür geben, so etwas noch einmal zu erleben. Ich bin aber gleichfalls sicher, dass es für all diejenigen, die zum ersten Mal nach Afrika reisen werden, eine Erfahrung sein wird, die die Karriere prägt und verändern kann.
Worin kann Afrika im Allgemeinen und der Senegal als Gastgeber im Besonderen von diesen Spielen am meisten profitieren?
Senegal ist einer der Schlüsselmärkte im Westen Afrikas. Das Land hat mit diesen Spielen die große Chance zu beweisen, dass seine Infrastruktur höchsten Ansprüchen genügt, und sich nachhaltig für die Ausrichtung weiterer Großereignisse – auch abseits des Sports – ins Gespräch zu bringen. Das Vermächtnis dieser Spiele für Afrika im Allgemeinen wird sein, dass der Kontinent sieht, was möglich ist und was er sich zutrauen kann. Die Erfahrungen, die die in die Organisation der Spiele eingebundenen Menschen machen, werden in die afrikanischen Länder und in das Ökosystem des afrikanischen Sports hineingetragen. Und die vielen Jugendlichen, die an den unterschiedlichen Bildungsprogrammen teilnehmen, werden diese Erfahrungen ebenfalls weitertragen. Das ist extrem wichtig für den Sport in Afrika.
Je näher die Spiele rücken, desto mehr ist sicherlich auch die Vorfreude greifbar. Welche Anzeichen dafür hast du in den Gastgeberstädten wahrgenommen?
Ich war vor wenigen Wochen das letzte Mal in Dakar, und es ist großartig zu sehen, welchen Fortschritt die Vorbereitungen gemacht haben. Als 365 Tage vor dem Beginn der Spiele die Countdown-Uhr in der Innenstadt enthüllt wurde, war die Atmosphäre schon total elektrisierend. Nun, da wir am Donnerstag die 100-Tage-Marke erreichen, steigt die Anspannung natürlich noch einmal. Wenn wir im September das olympische Feuer begrüßen dürfen, werden alle Augen auf diese Spiele gerichtet sein. Uns allen ist klar, dass bis dahin noch eine Menge an Arbeit wartet, aber mein Gefühl ist schon jetzt, dass der Senegal bereit ist, die Jugend der Welt zu empfangen. Der Enthusiasmus ist deutlich zu spüren.
Wie gelingt es dir, deine Rolle als Chair der Coordination Commission bestmöglich auszufüllen? Wie häufig bist du vor Ort?
Nicht allzu häufig, aber das ist auch nicht notwendig. Das lokale Organisationskomitee hat alles im Griff, ich erhalte regelmäßig Updates und bin natürlich für alle Gespräche stets verfügbar. Natürlich ist es notwendig, regelmäßig zu schauen, dass alles planmäßig läuft, deshalb war ich Ende Juni zuletzt in Dakar und werde Ende August noch einmal dort sein. Aber ich kann mit Gewissheit sagen, dass die Unterstützung der lokalen Behörden und der Regierung des Senegal außergewöhnlich sind. Alles läuft nach Plan, die Fertigstellung der benötigten Sportanlagen und Unterkünfte wird sich nicht verzögern. Wir werden bereit sein, wenn die Welt zu Besuch kommt.
„Hochwertiger Leistungssport ist der Kern der Finals“
DOSB: Hagen, wenn du dich an die erste Ausgabe der Finals 2019 zurückerinnerst und siehst, was sich seitdem aus dem Format entwickelt hat: Was freut dich am meisten und was ist für dich die größte Überraschung?
Hagen Boßdorf: Die größte Freude bereitet sicherlich der Blick auf die Zahlen. 2019 sind wir mit neun Sportarten an zwei Tagen gestartet, in diesem Jahr werden es an vier Tagen 24 Sportarten sein. Wir werden rund 4.000 Athlet*innen am Start haben und 30 Stunden im TV und mehr als 100 in bis zu acht Streams übertragen werden. Mit diesen Dimensionen hätte ich vor sieben Jahren nicht gerechnet. Ich war von der Idee immer überzeugt, die Bündelung der Sportarten und die Unterstützung durch ARD und ZDF bieten ein sehr schlüssiges Konzept. Ich habe auch gehofft, dass die Finals eine hohe Strahlkraft entwickeln könnten, dass sie viele Menschen anziehen und hohe TV-Quoten erreichen würden. Aber dass wir so schnell in diese Dimensionen vordringen, ein solches Interesse bei Sportverbänden und Städten erzeugen würden, unbedingt dabei sein zu wollen, das hat mich schon überrascht.
Welche Auswirkungen hat dieses rasante Wachstum auf die Organisation des Events, und wo siehst du die Grenze für das Programm?
Es besteht Einigkeit unter allen Partnern des Systems, dass vier Tage die Obergrenze sind. Das ist für ein solches Format ein angemessener Zeitraum. Rund 20 Sportarten sind das, was das Format maximal verträgt. Aufwand und Nutzen müssen in einem sinnvollen Verhältnis stehen, ansonsten drohen manche Sportarten in der Sendedauer und der öffentlichen Aufmerksamkeit zu kurz zu kommen. Deshalb sehe ich, dass wir die Grenze für das Sportartenprogramm erreicht haben. Wo wir durchaus noch Potenzial haben, ist die Ausformung des Begleitprogramms. Wir haben in diesem Jahr mit den erstmals durchgeführten Schul-Finals von April bis Juni rund 14.000 Schülerinnen und Schüler erreicht, haben sie mit Sport und Vereinen in der Region in Verbindung gebracht. Für solche Themen sehen wir noch mehr Raum.
Dresden hat im vergangenen Jahr mit einem sehr kompakten Konzept und der Schönheit der Stadt als angemessene Kulisse gepunktet. Was wirft Hannover in diesem Jahr in die Waagschale?
Auch hier gibt es eine Konzentration auf ein sehr kompaktes Konzept, viele Sportstätten sind fußläufig in der Innenstadt erreichbar. Nur die ZAG arena am Stadtrand und das Steinhuder Meer rund 35 Kilometer nordwestlich liegen etwas abseits, aber das verleiht dem ganzen Konzept einen eigenen Charme, weil die Region sich in der Finanzierung sehr engagiert und wir deshalb bewusst diese Außenstandorte einbeziehen wollten.
Besonders auffällig ist in diesem Jahr der Mix aus Tradition und Moderne und die Vielfalt des Sportprogramms. Welche Neuerungen sind dir besonders wichtig?
Es gibt Kernsportarten für die Finals, das sind Leichtathletik, Schwimmen, Turnen und Triathlon. Bei allen anderen Sportarten schauen wir genau darauf, was sie an Besonderheiten einbringen können. Gibt es besondere Sportstätten, wie in diesem Jahr zum Beispiel die Leinewelle für das Rapid-Surfen oder im kommenden Jahr in Stuttgart die Strecke für BMX Race? Werden Tradition und Moderne in herausragender Weise verbunden, wie in Hannover zum Beispiel mit Breaking im Rathaus? Sind herausragende Athletinnen und Athleten am Start? Das Angebot vor Ort muss stimmig sein. Dann achten wir selbstverständlich auch darauf, dass die Mischung im TV-Programm zwischen traditionsreichen Sportarten und neuen Elementen passt. All diese Dinge haben wir im Blick, und ich glaube, dass wir damit einen richtigen Weg beschreiten.
Wie groß ist die Herausforderung, die Balance zu halten zwischen der Aufgabe, Versuchslabor für neue Sportformate zu sein, und der Pflege bekannter und bewährter Traditionen?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung, weil es mit der Gesamtanzahl von Sportarten korrespondiert. Deshalb sind wir sehr am Austausch mit den Fachverbänden und dem DOSB interessiert, um Trends zu entdecken und erfolgreiche Athletinnen und Athleten zu würdigen, ohne dabei die traditionsreichen und beliebten Sportarten zu vernachlässigen. Diese Mischung wollen wir haben. Mein Gefühl ist, dass wir diese Balance grundsätzlich gut hinbekommen.
Welche Sportart(en), die bislang noch nicht Teil der Finals waren oder sind, wünschst du dir noch für das künftige Programm?
Beachvolleyball haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, das freut mich sehr. Was ich aus alter Verbundenheit zu diesem Sport gern ins Programm aufnehmen würde, ist Straßenradsport. Wir hatten schon Bahnrad, haben jetzt auch BMX, aber Straßenradsport fehlt noch. Leider ist das terminlich fast unmöglich. Die nationalen Meisterschaften werden europaweit in der Woche vor der Tour de France ausgetragen, die sind leider nicht flexibel. Wenn sich das für uns zufällig mal ergeben würde, dass es in beide Kalender passt, wäre das sehr schön.
Was bedeutet es für die Sommersportarten, dass ihre nationalen Meisterschaften derart in den Fokus rücken?
Die Bühne, die wir den Sportarten und ihren Athletinnen und Athleten geben können, ist außergewöhnlich. Die meisten sind selbst mit ihren internationalen Großereignissen auf einem anderen Level der öffentlichen Wahrnehmung unterwegs, und die Deutschen Meisterschaften außerhalb der Finals finden auf einem ganz anderen Niveau statt als die, die Teil der Finals sind. Dass wir eine so umfangreiche Live-Abdeckung liefern können, ist der größte Wert unseres Formats, deshalb wollen ja alle dabei sein. Wir mussten für diese Ausgabe 15 Sportarten ablehnen, die sich um eine Aufnahme beworben hatten.
Sportdeutschland trifft sich bei den Finals in Hannover
Für den DOSB bieten die Finals in Hannover eine besondere Plattform: Zum einen zeigt der DOSB großflächig die Kampagne zur Olympiabewerbung „Die Bewegung, die Deutschland jetzt braucht“. Sichtbar wird diese unter anderem beim Bogensport vor dem Rathaus, bei den Turn-Wettbewerben in der ZAG-Arena sowie beim Beachvolleyball auf dem Opernplatz. Zum anderen empfängt der DOSB die Medaillengewinner*innen der Olympischen Spiele von 1976 in Innsbruck (Winter) und Montreal (Sommer), die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum feiern. Die Finals sind für den DOSB in diesem Sommer somit ein einmaliger Treffpunkt des deutschen Sports.
Trotz ihrer unterschiedlichen Dimensionen weisen die Finals und die Olympischen und Paralympischen Spiele einige Gemeinsamkeiten auf. Beide Formate verschaffen Sportarten und Athlet*innen eine Bühne, die sie im regulären Sportalltag oft nicht erhalten. Während Olympische und Paralympische Spiele alle vier Jahre weltweit für Aufmerksamkeit sorgen, schaffen die Finals auch dank der umfangreichen Live-Berichterstattung von ARD und ZDF eine vergleichbare Sichtbarkeit für zahlreiche Disziplinen in Deutschland.
Auch was die Ausrichtung der Spiele angeht, lässt sich ein Vergleich ziehen: Wie die Olympischen und Paralympischen Spiele passen sich auch die Finals den Gegebenheiten der Gastgeberstadt an. Bestehende Sportstätten werden genutzt, kurze Wege geschaffen und der Sport bewusst in den urbanen Raum geholt, um möglichst viele Menschen zu erreichen. 2026 in Hannover liegt der Fokus auf den Wassersportarten, die durch die Austragung am Maschsee eine zentrale Rolle einnehmen. Und nicht nur der Spitzensport soll von den Finals profitieren: In diesem Jahr wurden erstmals „Schul-Finals“ ausgetragen, die der DOSB im Rahmen der Partnerschaft ebenfalls unterstützt. Knapp 15.000 Kinder und Jugendliche aus 88 Schulen wurden dabei aktiv in das Veranstaltungsgeschehen eingebunden.
Die Partnerschaft des DOSB mit den Finals steht noch am Anfang, dennoch ist die Perspektive klar: Der DOSB möchte sich auch in Zukunft einbringen und einen Teil dazu beitragen, die Finals weiterzuentwickeln. Diese bilden mit Blick auf das gemeinsame sportpolitische Ziel, Olympische und Paralympische Spiele wieder nach Deutschland zu holen, einen wichtigen Baustein.
Mehr Infos zur Olympiabewerbung gibt es hier: https://dafuer-sein-ist-alles.de/.
Minijobs im Sport erhalten und Ehrenamt wertschätzen
Die Reform des Alterssicherungssystems gehört zu den wichtigsten politischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Angesichts des demografischen Wandels begrüßt der DOSB, dass die Bundesregierung die notwendigen Reformschritte angeht.
Mit Sorge blickt der DOSB jedoch auf die Empfehlung, Minijobs abzuschaffen. Im Sport sind derzeit rund 143.000 Menschen auf Minijob-Basis beschäftigt. Viele von ihnen engagieren sich als Trainer*innen oder Übungsleiter*innen neben einer bereits bestehenden Vollzeit- oder vollzeitnahen Beschäftigung. Hinzu kommen Studierende und Rentner*innen, die sich in Sportvereinen einbringen.
„Man will einfach dabei sein bei den Finals“
Auf was sie sich freuen können in der Landeshauptstadt Niedersachsens, das war am Mittwochmittag bereits zu erahnen. Das Organisationsteam der „Finals 2026“ hatte zur Vorstellung des Programms für das Multisportevent, das vom 23. bis 26. Juli Deutsche Meisterschaften in 24 Sportarten in der Metropolregion Hannover zusammenbringt, auf die Dachterrasse der Staatsoper geladen. Auf dem Platz vor dem in den Jahren 1845 bis 1852 im spätklassizistischen Stil errichteten Blickfang sollen die Wettkämpfe im Beachvolleyball, Sportklettern und Stabhochsprung ausgetragen werden, die ersten Aufbauarbeiten waren bereits im Gange. „Ich kann mir jetzt schon vorstellen, was für eine tolle Kulisse wir hier haben werden. Ich hoffe, dass sehr viele Menschen zum Zuschauen kommen werden. Die Vorfreude ist riesig“, sagte Louisa Lippmann, nachdem sie den Blick über den Opernplatz hatte schweifen lassen.
Die 31-Jährige zählt zur Gruppe der Athlet*innen, die den Finals den besonderen Kick verleihen. „Es ist eine Zugangsvoraussetzung für die Fachverbände, dass die Besten ihres Sports an den Start gehen. Hochwertiger Leistungssport ist der Kern unseres Produkts“, betonte Hagen Boßdorf, Gründer und Geschäftsführer der „Finals“, im Gespräch mit dem DOSB. Olympionik*innen sind, auch um die Massen an die Sportstätten oder vor die mobilen Endgeräte zu locken, unter den rund 4.000 angekündigten Aktiven die wichtigste Zutat für den Sommer-Leckerbissen des deutschen Sports. Dass Beachvolleyball mit Assen wie Louisa Lippmann bei der sechsten „Finals“-Ausgabe erstmals zum Programm zählt, freut Boßdorf besonders. Und die in Hamburg lebende und trainierende Herforderin, die 2024 in Paris an der Seite der mittlerweile zurückgetretenen Rio-Olympiasiegerin Laura Ludwig ihre ersten Olympischen Spiele erlebt hatte, teilt diese Freude. „Auch für uns ist es etwas Besonderes, an dieser Aufmerksamkeit, die das Format bekommt, teilhaben zu können“, sagte sie.
„Ein sportliches Großereignis, das die Stadt nachhaltig geprägt hat“
Fast scheint es, als habe Harry Bodmer auf dieses Gespräch 37 Jahre lang gewartet. Kaum ist die Begrüßung beendet, sprudeln die Erinnerungen aus ihm nur so heraus. Und sofort wird deutlich, welche Bedeutung ein Sportgroßereignis in der eigenen Heimat für das Leben eines Leistungssportlers haben kann. „Es war eine mega Veranstaltung und in meiner Karriere das Größte, was ich erleben durfte. Einen solchen Spirit, der rund um dieses Ereignis herrschte, habe ich bei keinem anderen Wettkampf gespürt“, sagt der 60-Jährige, der sich an viele Einzelheiten noch so deutlich erinnert, als wären sie gestern passiert. Die World Games 1989 in Karlsruhe haben, so muss man es sagen, Harry Bodmers Leben geprägt wie kaum etwas anderes.
An diesem Sonntag sind es noch genau drei Jahre, bis die 13. Ausgabe der Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten eröffnet wird. Diese soll vom 19. bis zum 29. Juli 2029 stattfinden, und erneut ist Karlsruhe Austragungsort. Erstmals kommt eine Stadt zum zweiten Mal als Gastgeber zum Zuge, und die „3 Years to go“-Schwelle nimmt der DOSB, der das Team Deutschland entsenden wird, zum Anlass, einmal auf die erste Ausgabe in der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs (aktuell knapp 310.000 Einwohner) zurückzuschauen. Dass Harry Bodmer diese Spiele in bester Erinnerung hat, ist kaum verwunderlich. Im Einzelwettbewerb des Kunstradfahrens konnte er mit dem Titelgewinn einen wichtigen Beitrag zum starken Abschneiden des Teams der damaligen BRD leisten, das mit 18 Gold-, 13 Silber-, und 27 Bronzemedaillen hinter Italien auf Rang zwei der Gesamtwertung landete und dabei die meisten Medaillen holen konnte.
Harry Bodmer bekam ein Glückwunsch-Telegramm von Kanzler Kohl
Von seinem Wettkampf ist Bodmer, der heute in Rottweil lebt, insbesondere die Atmosphäre in der Europahalle, die 1983 eingeweiht worden war und sechs Jahre später das Herz der Spiele darstellte, in bester Erinnerung geblieben. „Unsere Wettkämpfe im Einer und Zweier der Männer und Frauen und im Radball fanden am letzten Wochenende der Spiele statt und waren an allen drei Tagen ausverkauft. Die Stimmung war unglaublich, wir wurden total gefeiert und haben bis auf den Zweier der Frauen auch alle Wettbewerbe gewonnen“, sagt er. Der Hallenradsport war schon damals eine deutsche Domäne. 1988 hatte Harry Bodmer bei den Weltmeisterschaften in Ludwigshafen die Goldmedaille gewonnen und sich damit die Qualifikation für die World Games in Karlsruhe gesichert, bei denen seine Sportart erstmals ins Programm aufgenommen werden sollte. „Ich habe nach dem WM-Titel ein Glückwunsch-Telegramm von Bundeskanzler Helmut Kohl bekommen. Auch in Ludwigshafen war die Halle immer ausverkauft. Kunstradfahren hatte durchaus einen hohen Stellenwert im deutschen Sport“, erinnert er sich.
Während Harry Bodmer 1989 als 23-Jähriger bereits Aktivensprecher seiner Sportart war und sich mit den 1981 ins Leben gerufenen World Games durchaus intensiv befasst hatte, war die Nominierung für Antje Grundheber eine komplette Überraschung. Die Rettungsschwimmerin, die damals noch unter ihrem Geburtsnamen Antje Hole antrat, war 1988 bei den Europameisterschaften als 17-Jährige erstmals für einen internationalen Wettkampf nominiert worden. „Als ich dann die Qualifikation für die World Games geschafft habe, war das gigantisch. Ich stamme aus Sinzig, für mich waren diese Spiele wie eine andere Welt. Von den meisten Sportarten, die dort ausgetragen wurden, hatte ich vorher noch nie gehört“, sagt sie im Gespräch mit dem DOSB.
Auch die heute 55-Jährige, die in Ingolstadt eine Praxis für Kieferorthopädie führt, konnte sich mit einer Goldmedaille in der Siegerliste verewigen. Im kombinierten Schwimmen über 100 Meter (50 Meter Freistil, 15 Meter Tauchen, 35 Meter Puppenretten) siegte sie in Weltrekordzeit. „Ich war nie auf Titel fixiert, ich weiß nicht, wie viele Medaillen ich in meiner Karriere gewonnen habe“, sagt sie, „aber dieser World-Games-Titel war für mich natürlich etwas ganz Besonderes.“ Was Antje Grundheber rückblickend bedauert: Dass sie die besondere Atmosphäre der Spiele nicht intensiver ausgekostet hat. „Meine Schwester Birgit, die auch im Nationalteam war, hat das anders gemacht. Sie hat am Jugendlager teilgenommen, darauf habe ich verzichtet, weil unsere Wettkämpfe erst in der zweiten Woche der Spiele stattfanden und ich mich darauf konzentrieren wollte. Wenn ich heute noch einmal die Chance hätte, an World Games teilzunehmen, würde ich viel mehr links und rechts schauen. Als 18-Jährige habe ich daran aber gar nicht gedacht, ich war nur in der Halle oder im Hotel“, sagt sie.
Olympische Spiele Los Angeles 2028 - das solltest Du wissen
In genau zwei Jahren treffen sich über 10.000 Athlet*innen und Millionen von Fans bereits zum dritten Mal in Los Angeles zu den Olympischen Spielen. Nach 1932 und 1984 ist die Millionenmetropole im US-Bundesstaat Kalifornien zum dritten Mal Gastgeber des größten Multisport-Events der Welt.
Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für euch zusammengetragen, damit ihr bereits heute bestens informiert seid.
„Zverev geht jetzt auf den Court in der tiefen Überzeugung, das Match zu gewinnen“
DOSB: Michael, wie bewertest du mit dem Blick des Bundestrainers auf den Grand-Slam-Titel in Paris und die Finalteilnahme am gestrigen Sonntag in Wimbledon die Entwicklung, die Alexander Zverev in den vergangenen Wochen genommen hat?
Michael Kohlmann: Ich möchte diese Entwicklungsphase nicht auf die vergangenen zwei Monate beschränken, sondern etwas weiter fassen. Meines Erachtens hat Sascha Ende 2025 damit begonnen, ein paar sehr wichtige Anpassungen vorzunehmen und dadurch noch besser zu spielen. In diesem Jahr hat er bislang elf Turniere gespielt und stand nur beim Masters in Rom und beim 500er in Acapulco nicht im Halbfinale. In Paris hat er sich dann für diese konstant guten Leistungen mit seinem ersten Grand-Slam-Titel gekrönt, und diesen Schwung konnte er nach Wimbledon mitnehmen. Man darf nicht vergessen, dass er dort bis zu diesem Jahr noch nie über das Achtelfinale hinausgekommen war. Nun stand er im Finale. Das ist herausragend.
Und er wurde dort nur von Jannik Sinner gestoppt, der Nummer eins der Weltrangliste, der in den entscheidenden Phasen des Finales der etwas bessere Mann war. Wie hast du dieses Endspiel erlebt?
Genauso. Sinner war vor allem im dritten und vierten Satz in den entscheidenden Phasen der etwas energischere Spieler. Insbesondere die langen Rallies hat er mehrheitlich für sich entschieden, was auf dem Niveau den Ausgang eines Matches prägt. Dennoch fand ich es schön zu sehen, dass Sascha nach der Niederlage nicht komplett frustriert war, sondern auch positiv wirkte. Mir hat insbesondere seine Aussage im Interview auf dem Court gefallen, dass er erst mit 29 Jahren wirklich daran glaube, auch in Wimbledon den Titel gewinnen zu können. Ich bin sicher, dass er das ernst meint. Wimbledon war bislang das Grand-Slam-Turnier, wo er sich am meisten von der Weltspitze entfernt wähnte, weil Rasen nicht sein liebster Belag ist und er sich in London bislang immer recht schwer getan hatte. Nun hat er die Überzeugung, dass er auch dort nach ganz oben gehört. Das finde ich schön.
Liegt das darin begründet, dass ihm in Paris endlich der so lange ersehnte Grand-Slam-Titelgewinn gelungen ist? Was löst ein solcher Triumph vielleicht auch an mentalen Fesseln, die er sich selbst angelegt hatte?
Mentale Fesseln finde ich ein wenig zu drastisch formuliert. Er hat sich sicherlich in einigen Phasen seiner Karriere ein wenig zu sehr unter Druck gesetzt, weil er diesen Grand-Slam-Titel unbedingt wollte. Schon als Teenager hat er ja davon gesprochen, alle vier Grand-Slam-Turniere gewinnen und Nummer eins der Welt werden zu wollen. Dass man sich dann zehn Jahre später auch mal infrage stellt, weil man die Ziele noch nicht erreicht hat, ist nachvollziehbar. Dennoch sehe auch ich in dem Triumph von Paris eine Art Brustlöser. Sascha wird immer extrem ehrgeizig sein und seine Ziele mit vollem Eifer verfolgen. Aber ich denke, er hat nun etwas mehr Leichtigkeit in seinem Spiel, und vor allem vertraut er noch mehr in seine Stärke. Man hat das in Wimbledon zum Beispiel in seinem dominanten Viertelfinale gegen seinen Angstgegner Taylor Fritz gesehen oder im souveränen Halbfinalsieg gegen den britischen Publikumsliebling Arthur Fery. Er geht jetzt auf den Court in der tiefen Überzeugung, das Match zu gewinnen. Das hat ihm bis Paris in manchen Phasen ein wenig gefehlt. Da wirkte es bisweilen so, als wolle er möglichst nichts falsch machen. Das, was ihm manche als Passivität ausgelegt haben, hat er nun in eine dominantere, selbstbewusstere Spielweise umgesetzt.
Ist das die wichtigste Umstellung, die du beobachtet hast, oder was genau hat sich seit Ende 2025 noch verändert?
Er spielt einfach etwas offensiver, geht häufiger ans Netz und wirkt in seinen Aktionen grundsätzlich ein wenig zwingender und überzeugter. So eine Umstellung braucht Zeit, das ist kein Prozess von Monaten, eher von Jahren. Genauso lange wird in der Szene ja schon darüber diskutiert, ob es diese Umstellung brauchte, damit Sascha maximalen Erfolg haben kann. Ich bin überzeugt davon, dass er im vergangenen halben Jahr einen sehr wichtigen Schritt gegangen ist.
Wird das reichen, um Jannik Sinner irgendwann in einem großen Finale zu besiegen? Zverevs letzter Sieg gegen den Italiener ist fast drei Jahre her, die vergangenen zehn Duelle hat er verloren.
Das ist so, aber es waren schon ein paar enge Matches dabei. Ich denke an das Finale von Wien im vergangenen Jahr, das stand auf Messers Schneide. Und auch gestern war Sascha vor allem deshalb enttäuscht, weil er gespürt hat, dass mehr drin gewesen wäre. Aber klar ist: Er muss sein Toplevel erreichen, um Leute wie Sinner und auch Carlos Alcaraz, wenn der irgendwann von seiner schweren Handgelenksverletzung zurückkommt, im Halbfinale oder Finale zu schlagen. In solchen Matches musst du die wenigen Chancen nutzen, die dir solche Gegner geben, da gibt es nicht sieben oder acht Möglichkeiten, sondern nur zwei oder drei, um das Match in seine Richtung zu ziehen. Das ist Sascha gestern nicht gelungen. Dennoch zählt er zu den ganz wenigen Spielern auf der Tour, die die Klasse haben, Sinner und Alcaraz wirklich gefährlich zu werden.
Triumph statt Abschied: Die wunderbare Wandlung des Marvin Dogue
Dieser Sommer hätte ganz anders aussehen können. „Ich hätte mir Zeit genommen, um mein BWL-Studium zu beenden, und nebenbei in irgendwelchen Studentenjobs Geld zu verdienen versucht“, sagt Marvin Dogue. Doch anstelle von Aushilfsjobs in Potsdam sieht das Programm des 30-Jährigen für die kommenden Monate Reisen in die Türkei und nach China vor, wo er bei den Saisonhöhepunkten seiner Sportart als frischgebackener Gesamtweltcupsieger um Medaillen mitkämpfen möchte. Und wenn Marvin die Monate, die hinter ihm liegen, in einem Satz zusammenfasst, dann klingt das so: „Im Nachhinein kann ich schon sagen, dass ich Glück gehabt habe!“
Glück hat bekanntlich der Tüchtige, und dass er seit vielen Jahren alles dafür gibt, im Modernen Fünfkampf zur Weltspitze zu zählen, würde niemand dem deutschen Vorzeigeathleten absprechen. Dennoch stand Marvin Dogue im vergangenen Jahr vor der Entscheidung, seine Karriere vorzeitig zu beenden. Zum einen waren es die ständigen Querelen auf nationaler Ebene, auf der sich zwei Dachverbände parallel um ihre Verantwortungsbereiche stritten und den Athletinnen und Athleten die Ausübung ihres Berufs erschwerten, die ihn zermürbten. Zum anderen stellte sich die Frage, ob er im fortgeschrittenen Leistungssportleralter noch in der Lage wäre, die Neuerungen in seiner Sportart in einer Form umzusetzen, die ihn konkurrenzfähig würde bleiben lassen.
Im Zuge der Olympischen Spiele von Tokio 2021 hatte der Weltverband entschieden, das Springreiten als Disziplin zu streichen und durch einen Hindernislauf zu ersetzen. Nachdem im Jahr 2009 Schießen und Laufen bereits zum sogenannten Laser Run zusammengefasst worden waren, markierte die Abkehr vom Pferdesport einen echten Paradigmenwechsel. „Das Erlernen einer komplett neuen Disziplin hatte einen deutlichen Einfluss auf unsere Sportart, und auch ich war mir nicht sicher, ob ich den Anschluss an den Nachwuchs würde halten können. Der Fünfkampf hat sich seit den Olympischen Spielen in Paris um 50 Prozent verändert“, sagt Marvin angesichts der Tatsache, dass die Olympiastarter von Paris 2024 noch im Reiten antreten mussten, die nachfolgende Generation aber seit der im November 2021 getroffenen Entscheidung, den Hindernislauf einzuführen, nur noch die neue Disziplin trainierte und deshalb gut zwei Jahre Vorsprung hatte. Deshalb schien das Karriereende eine realistische Option zu werden, „auch wenn ich eigentlich nicht mit etwas aufhören wollte, worin ich richtig gut war und was mir sehr viel Spaß machte. Aber wenn du dich jeden Tag im Training fragst, wofür du die ganzen Mühen überhaupt auf dich nimmst, ist das auch nicht gerade leistungsfördernd“, sagt er rückblickend.
Hindernislauf passt gut zu Marvins körperlichen Voraussetzungen
Nachdem ihm jedoch von Verbandsseite und der Bundeswehr, die ihn als Sportsoldat fördert, im Herbst 2025 eröffnet wurde, dass man ihn gern weiterhin im Bundeskader sähe, entschied sich der gebürtige Ludwigshafener, der in Bayern aufwuchs und als 13-Jähriger ans Internat des Bundesstützpunkts Potsdam wechselte, für die Fortsetzung der Karriere. Auch deshalb, weil er im Training gemerkt hatte, dass die neue Disziplin gut zu seinen körperlichen Voraussetzungen passen könnte. „Ich bin koordinativ durchaus begabt und kann im Obstacle Run meine Körpergröße von 1,90 Metern gewinnbringend einsetzen, zum Beispiel, indem ich sehr weit springe.“ Das Reiten, „das bei mir immer eine Hopp-oder-Topp-Disziplin war“, vermisse er nicht. Seine Paradedisziplin Fechten ist von den Veränderungen nicht berührt, dazu kam die glückliche Fügung, dass die Distanz im Schwimmen, das Marvin als seine schwächste Disziplin einordnet, von 200 auf 100 Meter verkürzt war. „Dadurch bin ich auch dort anschlussfähiger geworden.“
Marvin Dogue, der bei seiner Olympiapremiere für das Team Deutschland in Paris Rang acht belegt hatte, kann nachvollziehen, dass Traditionalisten mit den Veränderungen im Fünfkampf hadern. Er selbst ist jedoch der Meinung, dass die Attraktivität seines Sports nicht gelitten, sondern im Gegenteil eher zugenommen habe. „Beim Reiten passierten doch häufiger Fehler, auch die Ästhetik hat manchmal gelitten. Der Hindernislauf sorgt für eine ganz andere Dynamik, die Zuschauer werden die ganze Zeit über gut unterhalten“, sagt er. Dass sich die Szene verändert habe, weil andere Arrivierte sich für ein Karriereende entschieden oder mit der jüngeren Konkurrenz in ihren Nationalteams nicht mehr mithalten konnten, wolle er nicht verhehlen. „Aber es muss ja nicht schlecht sein, dass es jetzt eine Menge neuer Gesichter gibt“, sagt er.
„Die Faszination des Radsports beginnt schon in der Kindheit“
DOSB: Bernd, aktuell läuft die Tour de France, das bekannteste Radrennen der Welt. Welche Strahlkraft hat dieses Event auch für den deutschen Radsport?
Die Tour de France begeistert seit ihrer ersten Austragung Millionen Menschen weltweit – im Fernsehen, aber vor allem direkt an der Strecke. Ein Radrennen hautnah zu erleben, ist etwas Besonderes und entfaltet eine enorme Strahlkraft. Das gilt umso mehr, wenn deutsche Fahrer erfolgreich sind. Für uns als Verband ist die Tour deshalb enorm wichtig. Sie macht Lust aufs Radfahren, schafft Identifikationsfiguren und motiviert viele Menschen, selbst aktiv zu werden – sei es im Verein, bei einer Jedermann-Veranstaltung oder einfach in der Freizeit. Von dieser Aufmerksamkeit profitiert der gesamte Radsport in Deutschland.
Welche Auswirkungen haben Erfolge deutscher Sportler wie der von Florian Lipowitz im vergangenen Jahr oder auch von Jan Ullrich oder Erik Zabel auf die Mitgliederzahlen in deutschen Vereinen? Treten mehr Menschen in Radsportvereine ein, wenn die Topprofis erfolgreich sind?
Erfolge deutscher Fahrerinnen und Fahrer – aktuell etwa von Florian Lipowitz und Franziska Koch – schaffen Aufmerksamkeit und Begeisterung. Wie in vielen anderen Sportarten sind erfolgreiche Athletinnen und Athleten wichtige Identifikationsfiguren. Sie wecken Begeisterung für den Radsport und geben vielen Menschen den Anstoß, selbst aktiv zu werden. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einzelnen sportlichen Erfolgen und steigenden Mitgliederzahlen können wir allerdings nicht belastbar belegen. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Unabhängig davon entwickeln sich unsere Mitgliederzahlen erfreulich. Im vergangenen Jahr konnten wir die Zahl unserer Mitgliedschaften um gut zwei Prozent auf rund 153.500 steigern. Entscheidend ist, dass die Begeisterung vor Ort durch attraktive Vereinsangebote aufgegriffen wird.
Welche internationalen Veranstaltungen sind weitere Leuchttürme, und welchen Stellenwert haben die größten deutschen Rennen wie Lidl Deutschland Tour, ADAC Cyclassics oder Eschborn-Frankfurt für German Cycling?
Neben der Tour de France gehören der Giro d’Italia und die Vuelta zu den großen internationalen Leuchttürmen unseres Sports. National haben wir mit Eschborn-Frankfurt, Rund um Köln, den ADAC Cyclassics, dem Sparkassen Münsterland Giro und der Lidl Deutschland Tour herausragende Veranstaltungen. Diese sind für German Cycling von großer Bedeutung. Sie machen die Faszination des Radsports erlebbar, bringen die Menschen mit ihren Idolen zusammen und motivieren viele, selbst aufs Rad zu steigen. Besonders wertvoll ist dabei die Verbindung von Spitzen- und Breitensport: Viele Veranstaltungen bieten neben den Profirennen auch Jedermann- und Nachwuchswettbewerbe und schaffen so einen direkten Zugang zum organisierten Radsport.
In der Pandemie war auch Radsport eine der Sportarten, die eher zu den Gewinnern zählte, weil es im Freien und mit Abstand möglich ist. Wie haben sich eure Mitgliederzahlen über die vergangenen zehn Jahre entwickelt, und was waren die wichtigsten Treiber dieser Entwicklung?
Unsere Mitgliederzahlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren insgesamt positiv entwickelt. Aktuell zählt German Cycling, wie schon erwähnt, rund 153.500 Mitgliedschaften – ein Plus von gut zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig ist die Begeisterung für den Radsport in dieser Zeit noch stärker gewachsen. Ein Grund dafür ist, dass gerade das Rennradfahren heute vielfach auch außerhalb klassischer Vereinsstrukturen stattfindet. Zu den wichtigsten Treibern dieser Entwicklung zählen das gestiegene Gesundheitsbewusstsein, die Freude an Bewegung und die große Vielfalt unseres Sports. Radfahren lässt sich in jedem Alter, auf ganz unterschiedliche Weise und mit individueller Intensität ausüben. Unsere Aufgabe ist es, möglichst viele dieser Menschen langfristig für den organisierten Radsport und unsere Vereine zu gewinnen.
Im Laufen gibt es die Entwicklung, dass sich abseits von Vereinen private Running Clubs bilden. Wie ist die Lage dahingehend im Radsport, und wie geht ihr mit solch zusätzlicher Konkurrenz um?
Die Entwicklung im Radsport ist durchaus vergleichbar mit der im Laufsport. Immer mehr Communities organisieren sich außerhalb klassischer Vereinsstrukturen. Das sehen wir nicht als Konkurrenz, sondern freuen uns darüber, dass sich immer mehr Menschen für den Radsport begeistern. Natürlich wünschen wir uns, dass möglichst viele von ihnen den Weg in unsere Vereine finden. Denn Vereine bieten weit mehr als gemeinsame Ausfahrten. Sie stehen für Gemeinschaft, qualifizierte Trainerinnen und Trainer, Nachwuchsförderung, Wettkampfmöglichkeiten und ehrenamtliches Engagement. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.
„Bewegung beginnt mit Begeisterung“
DOSB: Lysann, wenn man heute auf die MINI BIKER und inzwischen auch auf die MIDI BIKER blickt, wirkt alles wie ein durchdachtes Gesamt-Nachwuchskonzept. Wie hat alles angefangen?
Lysann Schmeiser: Tatsächlich begann alles mit einer einfachen, aber wichtigen Beobachtung: Kinder bewegen sich immer weniger. Gleichzeitig fehlen vielen Kindern grundlegende motorische Erfahrungen, die früher selbstverständlich waren. Für uns war klar: Als Radsport-Dachverband möchten wir einen Beitrag leisten, um Kinder wieder stärker für Bewegung zu begeistern. Auf der Strukturtagung des Bundes Deutscher Radfahrer hatten der damalige Präsident Rudolf Scharping und Marco Rossmann, heute Jugendsekretär von German Cycling und stellvertretender Generalsekretär, die Idee, dass wir – vergleichbar mit Bambini-Fußball oder Kleinkindturnen – ein bundesweites Bewegungsangebot auf Rädern schaffen müssen. Der Ansatz sollte bewusst niedrigschwellig sein: ohne Leistungsdruck, aber mit ganz viel Freude an Bewegung. So entstand Anfang 2023 – inspiriert von den Mini Bikern des RSV Seeheim und den Rad-Raketen des RSV Mainz-Ebersheim – die Idee der MINI BIKER. Unser Ziel war es, Kindern zwischen zwei und sechs Jahren spielerisch Bewegungserfahrungen auf zwei, drei oder vier Rädern zu ermöglichen. Dabei ging es von Anfang an um weit mehr als das Fahrradfahren. Es ging um Rollen, Gleichgewicht, Koordination, Selbstvertrauen, soziale Teilhabe und vor allem darum, allen Kindern positive Bewegungserlebnisse zu ermöglichen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Wohnort oder sozialem Hintergrund. Deshalb entwickelten wir eine Materialbox mit Hütchen, Seilen, Markierungshauben, Stangen und einer altersgerechten Rampe. Vereine, Kitas und weitere Einrichtungen konnten sie kostenlos anfordern. Ergänzt wurde sie durch Parcoursmaterialien, Anleitungen und pädagogische Hilfestellungen, die eine altersgerechte und spielerische Förderung der Bewegungskompetenz ermöglichten und eine unmittelbare Umsetzung der Angebote unterstützten.
Wie wurde das Angebot angenommen?
Die Resonanz hat selbst uns überrascht. Die Nachfrage war enorm. Bereits im ersten Projektjahr wurden 290 MINI-BIKER-Boxen deutschlandweit in alle 16 Bundesländer verschickt. Besonders erfreulich war, dass die Angebote sowohl von Vereinen als auch von Kitas aufgegriffen wurden. Unsere Evaluation zeigte außerdem, dass wir knapp 6.000 Kinder erreicht haben, von denen 2.628 regelmäßig an den Bewegungsangeboten teilnahmen. Besonders wichtig war für uns, dass wir viele Kinder erreicht haben, die bislang wenig Berührung mit Sport und Vereinen hatten.
Was habt ihr aus der Evaluation gelernt?
Die Ergebnisse haben uns bestätigt, dass dies der richtige Ansatz ist. Die Einrichtungen berichteten insbesondere von Verbesserungen bei Gleichgewicht und Koordination, motorischen Fähigkeiten, Fahrsicherheit, Selbstvertrauen, Freude an Bewegung und sozialem Miteinander. Außerdem wurde deutlich, dass Kinder besonders dann profitieren, wenn die Angebote regelmäßig stattfinden und pädagogisch begleitet werden. Diese Erkenntnisse waren zugleich der Ausgangspunkt für den nächsten Entwicklungsschritt.
Damit sind wir bereits im zweiten Projektjahr. Was hat sich dort verändert?
Im zweiten Jahr lag unser Fokus auf Qualität und Nachhaltigkeit. Material allein reicht nicht aus – Menschen machen Projekte erfolgreich. Deshalb erweiterten wir das Konzept um Handbücher, Schulungsunterlagen, Kartenmaterialien sowie Fortbildungs- und Zertifikatsangebote für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Gleichzeitig wurden Themen wie Kinderschutz, pädagogische Grundlagen sowie mentale Gesundheit integriert. Dadurch konnten Ehrenamtliche, Trainerinnen und Trainer sowie pädagogische Fachkräfte die Angebote fachlich fundiert umsetzen und langfristig in ihren Einrichtungen verankern.
Wann entstand dann die Idee der MIDI BIKER?
Eigentlich aus einer spannenden Erkenntnis heraus. Unsere Evaluation zeigte, dass fast ein Drittel der erreichten Kinder bereits älter als die ursprüngliche Zielgruppe waren. Parallel wurde die bundesweite Förderkampagne „MOVE“ der Deutschen Sportjugend unter dem Motto „MOVE FOR ALL“ fortgeführt. Genau daraus entstanden die MIDI BIKER. Wir wollten die Entwicklungsreise konsequent weiterdenken und Kindern wie Jugendlichen zwischen sieben und 14 Jahren passende Anschlussangebote bieten. Während bei den MINI BIKERN das spielerische Rollen und die Entwicklung grundlegender Bewegungsmuster im Vordergrund stehen, geht es bei den MIDI BIKERN stärker um Fahrtechnik, Selbstständigkeit, Mobilität, Verantwortung und Gemeinschaft.
Expertisen gemeinsam ergründen und Potenziale voll ausschöpfen
Würde man in Deutschland Menschen auf der Straße fragen, welche Themenfelder die Mitglieder einer Athlet*innenkommission bearbeiten, wäre die Antwort – neben einer gewissen Portion Ratlosigkeit – wahrscheinlich in vielen Fällen identisch. Athlet*innenvertretungen kümmern sich um die Belange ihresgleichen, sie setzen sich für bessere Trainingsmöglichkeiten, höhere Vergütung und mehr Wertschätzung ein. Sie sind Bindeglieder zwischen Verbandsfunktionären und Aktiven. Sie sprechen für die jeweilige Gruppe, die sie vertreten, und unterstreichen mit ihrem Engagement, dass im Sport Gemeinschaft wichtiger ist als Eigennutz, wenn man Ziele erreichen möchte.
Alles richtig, aber manchmal eben auch zu kurz gedacht. Deshalb möchte ich euch mit Marc Schuh bekannt machen. Marc war viele Jahre als Para-Leichtathlet im Rollstuhlsprint aktiv, er war Weltmeister über 400 Meter, nahm an den Paralympischen Spielen 2008 in Peking, 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro teil. Und er war als Athletensprecher extrem engagiert. Das ist allerdings längst nicht alles, denn der heute 36 Jahre alte Bergisch-Gladbacher hat auch Physik studiert. Und da beginnt der Teil der Geschichte, der mich zu meinem heutigen Kolumnenthema führt.
Marc Schuh entwickelte für den DBS ein Bewertungssystem
Rund um die Paralympics in Rio stand der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vor der Aufgabe, dem Bundesministerium des Innern (BMI) eine kriteriengeleitete Budgetierung zu präsentieren, nach der künftig die Förderung der verschiedenen Sportabteilungen ausgerichtet sein sollte. Das, was der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit dem Analyse-Tool PotAS umzusetzen versuchte, war nun auch im Behindertensport gewünscht. Also ging der DBS an die Umsetzung und entwickelte ein System, in dem eine Bepunktung der Sportarten deren Förderfähigkeit einordnen sollte.
Das Problem: Es war eine Punktobergrenze vorgesehen, oberhalb derer Sportarten nicht mehr in höhere Förderkategorien klettern konnten. Für Schwimmen und Leichtathletik, die diese Obergrenze bei ihrer Einführung schon erreicht hatten, fehlte also zum Beispiel der Anreiz, sich verbessern zu können. Aus ökonomischer Sicht gab es keine Incentivierung für weitere Anstrengungen. Und da kam Marc ins Spiel, der damals am Max-Planck-Institut für Kernphysik promovierte. Er bot dem DBS an, eine mathematische Modellierung zu entwerfen, bei der die Punkte nicht linear gewertet werden. Die ersten Punkte fallen stärker ins Gewicht, damit kleine Sportarten eine ausreichende Förderung erhalten. Sportarten mit vielen Punkten erhalten für jeden weiteren Punkt weiterhin mehr Budget, ohne die kleinen Sportarten zu verdrängen. Ein entsprechend parametrisierter Logarithmus kann eine solche Gewichtung transparent darstellen.












