Neues aus Sportdeutschland
„Respekt und Wertschätzung müssen wichtiger sein als Skandalisierung“
An diesem Wochenende beginnt sie wieder, die Fußball-Bundesliga der Männer. Was das für viele Millionen Menschen bedeutet, ist uns in Sportdeutschland allen bewusst. Ich möchte den Stellenwert des Fußballs keinesfalls schlechtreden und an dieser Stelle auch nicht die Moraldiskussion vertiefen, die während und nach der XXL-WM in diesem Sommer entbrannt war. Aber daraus ergibt sich ein Thema, das mir als Athlet in einem Nischensport ganz besonders am Herzen liegt, und das in den vergangenen Wochen einen bemerkenswerten Schub erhalten hat.
Die Erfolge deutscher Athlet*innen bei der Heim-WM im Reitsport, der Leichtathletik-EM in Birmingham und der Schwimm-EM in Paris haben während der Sommerzeit ebenso wie der Fußball Millionen Sportbegeisterte komplett abgeholt. Ich habe mich nicht nur riesig mit den vielen Team-D-Aktiven gefreut, sondern vor allem auch darüber, in welcher Form über ihre Wettkämpfe berichtet wurde. Angefangen hat dieser grandiose Sportsommer mit den Finals Ende Juli in Hannover, die von ARD und ZDF gewohnt großflächig in Szene gesetzt wurden. Ein Format, das für nationale Titelkämpfe seinesgleichen sucht. Dass aber auch die Europameisterschaften in den olympischen Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen in einer Breite im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sichtbar waren, die wir aus den vergangenen Jahren zumindest im Schwimmen nicht gewohnt waren, ist ein extrem wichtiges Zeichen.
Warum? Weil es trotz all der Möglichkeiten, die das Internet bietet, noch immer unerlässlich für das Erreichen einer breiten Öffentlichkeit ist, im frei empfangbaren Fernsehen stattzufinden. Livestreams decken heutzutage zwar viele Sportevents ab. Aber ich weiß das von unseren Weltcups im Eisschnelllaufen: Wenn die Rennen im Stream laufen, gucken da mit Glück ein paar Tausend Fachleute oder Familienangehörige zu. Wenn aber in der Pause der Biathlon-Übertragung eine Zusammenfassung unserer Wettkämpfe gezeigt wird, haben wir ein Millionenpublikum. Damit erreichen wir viele Menschen, die ein grundsätzliches Sportinteresse haben, aber nicht über Stunden Eisschnelllauf schauen würden. Und genau diese Einstiegsebene braucht es, um Aufmerksamkeit zu generieren, Sportbegeisterte zu Eisschnelllauf-Fans zu machen und damit letztlich das Interesse von Sponsoren zu wecken.
Das Zauberwort lautet Kontinuität
Das Zauberwort für den Umgang mit dem olympischen Sport lautet allerdings: Kontinuität. Im Wintersport ist diese gegeben, weil sich die Weltverbände mit den TV-Anstalten auf einen Wettkampfkalender geeinigt haben, der an den Wochenenden tagesfüllende, aufeinander abgestimmte Sendepläne ermöglicht. Im Sommer ist die Situation eine andere. Wenn ich für die mediale Verbreitung einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, dass zumindest der jeweilige Saisonhöhepunkt in jeder olympischen sowie paralympischen Sportart – und nach meiner Hoffnung gern auch in vielen nicht-olympischen Sportarten – umfangreich im öffentlich-rechtlichen Programm abgedeckt würde. Wir propagieren im organisierten Sport immer wieder die Wichtigkeit unserer Angebote für die Förderung der Gesundheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, und wir bewerben uns um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele. Da sehe ich es als gemeinsame Pflicht, die gesamte Bandbreite des Sports auch abzubilden. Mir ist natürlich klar, dass Sendezeiten begrenzt sind. Aber es wäre schon ein Quantensprung, wenn ARD und ZDF alle Saisonhöhepunkte per Livestream mit Fachkommentar und Moderation anbieten würden.
Die Frage, ob es „klassische Medien“ weiterhin braucht, wenn über die sozialen Medien doch jeder zu seinem eigenen Sender werden kann, wird oft gestellt. Meine Antwort darauf ist klar: auf jeden Fall! Zum einen gibt es viele Athlet*innen, die weder die Zeit noch die Mittel haben, sich als Social-Media-Profis zu betätigen. Andere wiederum wollen sich nicht in der privaten Form öffnen, die es braucht, um entsprechende Aufmerksamkeit zu generieren. Für mich zählt aber ebenso: Wir brauchen die Medien für die Einordnung, was mich zu einem weiteren Aspekt führt, der mich in den vergangenen Wochen berührt hat. Über die Frage, ob die Wertschätzung für die Leistung der Sportler*innen angemessen sei, wurde intensiv diskutiert. Ich möchte an dieser Stelle nicht das Thema Bezahlung aufmachen, weil es ein abendfüllendes ist. Aber die Frage, ob Sportjournalismus in Deutschland zu kritisch, zu negativ daherkommt, ist spannend.
Bob- und Schlittenverband schneidet in PotAS-Analyse am besten ab
Überraschungen blieben aus, als die zuständige Kommission am Donnerstag im Bundeskanzleramt in Berlin die Ergebnisse des Potenzialanalyse-Systems (PotAS) für den deutschen Wintersport auf dem Weg zu den Olympischen Winterspielen 2030 präsentierte. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) schnitt erwartungsgemäß am besten ab und belegt mit sechs dem BSD zugehörigen Disziplingruppen die ersten sechs Plätze der Rangliste. Die Poleposition sicherte sich Bob Frauen, dahinter folgen Rennrodeln der Frauen und Männer, Bob Männer sowie Skeleton Frauen und Männer. Den letzten Rang der 38 Disziplingruppen belegt Shorttrack Frauen. Die gesamte Liste und der PotAS-Report sind auf der Homepage der Kommission hier zu finden.
„Die Ergebnisse sind wenig überraschend, sie bilden letztlich das Abschneiden unseres Team D bei den Winterspielen in Mailand Cortina ab“, sagt Olaf Tabor. Der Vorstand Leistungssport war am Donnerstag in Berlin als Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vor Ort und stand den rund zehn Medienvertreter*innen für Fragen zur Verfügung. „Wenn wir im Winter erfolgreich bleiben wollen, brauchen wir nicht nur die Leistungsfähigkeit im Eiskanal als wesentlichen Erfolgsfaktor, sondern wieder mehr als in Mailand Cortina auch die übrigen medaillenrelevanten Sportarten und Disziplinen. Dafür wird der Weg einer Fokussierung durch die potenzialorientierte Förderung weitergeführt.“ Auch Urs Granacher, der Vorsitzende der PotAS-Kommission, empfahl: „Wir sollten die Stärke des BSD absichern. Wir müssen aber auch schauen, die Disziplingruppen, die Potenziale haben, wieder an die Weltspitze heranzuführen.“
Die 2016 im Zuge der Leistungssportreform eingerichtete, unabhängige Potenzialanalyse-Kommission trägt zu einer objektiven und transparenten Grundlage für die Förderung des Spitzensports bei. In der nun vorliegenden fünften Analyse, der dritten für den Wintersport, wurde im förderrelevanten Bewertungsverfahren erstmals auf die Bewertung der Strukturattribute verzichtet. Stattdessen erfolgt die diesbezügliche Qualitätssicherung anhand der Strukturpläne und den Konzeptprüfungen in den Strukturgesprächen mit den Fachverbänden. Weitere grundlegende Veränderungen waren eine veränderte Methodik zur individuellen Potenzialbewertung sowie ein längerer Betrachtungszeitraum bei den zurückliegenden Erfolgen, die seit 2014 einbezogen wurden.
Ökologische Nachhaltigkeit im Sport: Neue Impulse durch Digitalisierung und KI
Mit der fortschreitenden Digitalisierung und den rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) eröffnen sich auch für den Sport neue Möglichkeiten, ökologische Nachhaltigkeit wirksamer, datenbasierter und effizienter zu gestalten. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach dem verantwortungsvollen Einsatz dieser Technologien, ihrem Ressourcenverbrauch sowie den organisatorischen und ethischen Rahmenbedingungen ihrer Nutzung.
Diesen Chancen und Herausforderungen widmete sich das 30. Symposium zur nachhaltigen Entwicklung des Sports, das am 11. und 12. Dezember 2025 in Bodenheim am Rhein auf Einladung von DOSB und DFB stattfand. Die von Thomas Wilken (KONTOR 21) moderierte und mitkonzipierte Veranstaltung brachte 20 Expert*innen aus Sportorganisationen, Wissenschaft, Ministerien und Praxis zusammen, um über die Rolle von Digitalisierung und KI für eine nachhaltige Entwicklung des Sports zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen die Themenfelder naturverträgliche Aktivitätenlenkung im Outdoorsport, digitales Sportstättenmanagement sowie KI-gestützte Klimabilanzierung. Die Ergebnisse und Fachbeiträge des Symposiums wurden nun in der Dokumentation als Band 41 der DOSB-Schriftenreihe „Sport und Umwelt“ veröffentlicht.
Die Publikation zeigt anhand konkreter Praxisbeispiele, wie digitale Anwendungen bereits heute dazu beitragen können, Energie- und Ressourcenverbräuche in Sportstätten zu reduzieren, naturverträgliche Sportaktivitäten besser zu steuern oder Klimabilanzen von Sportorganisationen effizienter zu erstellen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Digitalisierung und KI kein Selbstzweck sind. Ihr nachhaltiger Mehrwert hängt wesentlich von qualitativ hochwertigen Daten, geeigneten Standards, klaren Governance-Strukturen sowie einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und Datenschutz ab.
DOSB und dsj begrüßen geplante Einführung der U10 Vorsorgeuntersuchung
Für Kinder im Alter zwischen 9 und 10 Jahren wird es künftig eine neue Vorsorgeuntersuchung geben. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entschieden und gleichzeitig die Inhalte der neuen U10 Vorsorgeuntersuchung festgelegt. Der Fokus liegt u.a. auf den Themen Übergewicht und körperliche Aktivität und damit auf Bereichen, die unmittelbar den Sport miteinschließen.
Der DOSB und die Deutsche Sportjugend (dsj) begrüßen die geplante Einführung der neuen, verpflichtenden U10 deshalb ausdrücklich. Mit der zusätzlichen Vorsorgeuntersuchung soll die große Lücke zwischen der U9 (um den 5. Geburtstag) und der Jugenduntersuchung J1 (zwischen 13-14 Jahren) geschlossen werden. Aus Sicht des organisierten Sports ist dies ein wichtiger Schritt, um die Gesundheitsförderung und Prävention im Kindesalter frühzeitig und ganzheitlich in den Blick zu nehmen.
Das Alter von 9 bis 10 Jahren bietet zahlreiche Möglichkeiten, um Bewegung selbstverständlich in den Alltag zu integrieren und Kinder für regelmäßigen Sport im Verein zu begeistern. Entscheidend ist in diesem prägenden Alter vor allem, dass Kinder Freude an Bewegung entwickeln und unterschiedliche Möglichkeiten kennenlernen, aktiv zu sein – egal ob auf dem Schulweg, beim Spielen oder im Verein.
Sportdeutschland kann Sportgroßveranstaltungen
Der Sommer in Sportdeutschland war ereignisreich. Wer seinen Reiseplan clever legte, konnte innerhalb weniger Wochen Sportgroßveranstaltungen an zahlreichen Standorten erleben. Die Weltmeisterschaft der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt zeigte zuletzt außerdem, was ein Heimspiel auslösen kann: 350 Gymnastinnen aus 73 Ländern trafen in der Festhalle auf ein begeistertes Publikum – und Darja Varfolomeev sorgte mit drei Goldmedaillen für deutschen Erfolgsmomente .
„Mini-Olympia“ in Hannover
Einer der Höhepunkte des Sommers waren die Finals Ende Juli in Hannover. Vier Tage lang wurde die niedersächsische Landeshauptstadt zur Hauptstadt Sportdeutschlands. Rund 480.000 Zuschauer*innen verfolgten die 143 deutschen Meisterschaftsentscheidungen der fast 4.000 Athlet*innen. Damit stellte das Event einen neuen Finals-Besucherrekord auf. Die Wettkämpfe fanden dabei an spektakulären Orten statt – vom Stabhochsprung am Opernplatz über BMX im Neuen Rathaus bis zu den Surfwettbewerben an der Leinewelle in der Altstadt.
Events in ganz Sportdeutschland
Auch in anderen deutschen Städten sorgten internationale Sportveranstaltungen für besondere Momente. München bot viele internationale Sporthighlights, wie die BMW Open, die 2026 ihre Premiere als ATP-500-Turnier feierten und insgesamt 70.000 Zuschauer*innen auf die Anlage des MTTC Iphitos lockten. Die bayerische Landeshauptstadt war zudem Gastgeber der Taekwondo-Europameisterschaften. Rund 400 Athlet*innen aus knapp 50 Nationen traten im BMW Park um die EM-Titel an. Im Olympiapark kamen beim Munich MASH rund 60.000 Besucher*innen zusammen, um internationale Contests in fünf Sportarten zu erleben, darunter Skateboard, BMX und Wakeboard.
Nordrhein-Westfalen setzte ebenfalls starke Akzente. In Köln traf sich beim EHF FINAL4 die europäische Handballelite, während Düsseldorf im August die Flag-Football-Weltmeisterschaft ausrichtete und damit auf die olympische Premiere der Sportart 2028 in Los Angeles einstimmte. Beim EHF FINAL4 kamen allein zum Halbfinale zwischen Magdeburg und den Füchsen Berlin 20.122 Zuschauer*innen – ein neuer Besucherrekord für das Turnier. Der Höhepunkt des NRW-Sportsommers waren jedoch die FEI World Championships in Aachen. Bei der Reit-WM traten 879 Athletinnen aus fast 70 Nationen in sechs Disziplinen an. Eine halbe Million Besucher*innen kamen in die Soers und sorgten für eine beeindruckende Kulisse. Besonders laut wurde es beim deutschen Team-Gold im Springreiten, dem ersten WM-Titel der Mannschaft seit 2010.
Und auch Berlin bleibt ein fester Bestandteil des deutschen Sportkalenders. Das Internationale Stadionfest (ISTAF) Indoor brachte schon im Frühjahr internationale Leichtathletik in die Hauptstadt. Rund 12.000 Zuschauer*innen kamen zu den Hallen-Meisterschaften in die Uber Arena. Am 30. August steht die nächste Ausgabe des ISTAF an, welches fester Bestandteil der World Athletics Continental Tour ist. Im September folgen weitere internationale Highlights. Bei der Basketball-WM der Frauen vom 4. bis 13. September spielen 16 Nationalmannschaften in 36 Spielen in der Hauptstadt um den WM-Titel. Wenige Wochen später gehen beim Berlin-Marathon rund 60.000 Sportler*innen aus etwa 160 Ländern an den Start.
Auch Hamburg setzte im Sommer sportliche Akzente: Der Haspa Marathon feierte mit mehr als 40.000 Läufer*innen seine 40. Auflage, und beim World Triathlon und den ADAC Cyclassics wurde die Stadt erneut zur Sportarena.
„Bock auf den Schmerz“: Pauline Jagsch will bei der WM glänzen
Als Pauline Jagsch am Montag dieser Woche mit dem Team des Deutschen Kanu-Verbands (DKV) die Reise nach Poznan antrat, tat sie dies in dem sicheren Gefühl, dass sich für sie ein Kreis schließt. 2018 hatte die heute 23 Jahre alte Kajak-Spezialistin in der westpolnischen 540.000-Einwohner-Stadt ihr erstes internationales Rennen bestritten. „Ich hatte mich über die Jugend-DM dafür qualifiziert und bis dahin Kanurennsport nur als Hobby betrieben. Leistungssport stand für mich lange gar nicht zur Debatte. Aber nach dem Rennen in Poznan habe ich eine Pro-und-Contra-Liste zum Thema Leistungssport geschrieben, die ich bis heute habe“, erinnert Pauline sich im Gespräch mit dem DOSB. Drei Jahre später gewann sie an selber Stelle bei der Juniorinnen-EM ihre erste internationale Medaille im Einer.
Kein Wunder also, dass die Vorfreude auf die Welttitelkämpfe auf dem Maltasee, die von diesem Mittwoch bis Sonntag ausgetragen werden, riesig ist bei der Team-D-Athletin, die vor gut zwei Monaten endgültig ins Blickfeld der Kanu-Welt gepaddelt war. Bei der EM in Montemor-o-Velho (Portugal) Mitte Juni ragte Pauline nicht nur wegen ihrer auffälligen Körperlänge von 1,85 Metern heraus. Sie gewann im Kajak-Einer über 500 Meter mit neuer europäischer Bestzeit von 1:47,164 Minuten Gold, ließ im Zweier über dieselbe Distanz an der Seite von Paulina Paszek (28/Hannoverscher Kanu-Club) den zweiten Titel folgen – und steht deshalb bei der WM unter besonderer Beobachtung. „Die EM war schon ein Ausrufezeichen, die Aufmerksamkeit danach war hoch“, sagt sie.
Den Druck, diese Leistungen auf globalem Niveau bestätigen zu müssen, will die Sportsoldatin vom SC Berlin-Grünau gar nicht erst an sich heranlassen. „Druck hat man immer, im Vergleich zu Olympischen Spielen fliegt man bei einer WM aber unter dem Radar. Ich habe gerade so viel Spaß am Sport und bin so gut drauf, da werde ich mich nicht mit zusätzlichen Ansprüchen belasten“, sagt sie und lacht dabei so ehrlich und erfrischend, dass Zweifel überhaupt keine Chance zum Mitschwingen haben. Und um es klar zu sagen: Ihre eigenen Ansprüche genügen ja auch schon. Sie startet im Einer, Zweier und Vierer über die 500-Meter-Distanz und liebäugelt auf allen drei Distanzen mit einer Medaille.
Nach den Paris-Spielen brauchte sie ein Jahr zur Verarbeitung
Mess- und sichtbarer Erfolg ist indes nicht die Bedingung dafür, dass Pauline Jagsch Freude an ihrem sportlichen Tun empfinden kann. „Wenn es mir gelingt, in jedem Rennen meine bestmögliche Leistung zu zeigen, dann habe ich für mich schon gewonnen, egal, wozu es dann reicht. Und Spaß habe ich, wenn ich das Gefühl von Freiheit habe. Vorn schnell rauskommen, über die Strecke fliegen und hinten heraus voll durchziehen – wenn das Rennen so läuft, kann ich es richtig genießen“, sagt sie. Dass dazu immer auch gehört, sich über körperliche Limits hinaus zu quälen, hat sie nicht nur akzeptiert, sie mag es sogar. „Ich habe total Bock auf den Schmerz. Der Ehrgeiz, meine Grenzen immer wieder auszutesten, ist da“, sagt sie.
Dass das nicht immer so war, gibt Pauline offen zu. 2024 konnte sie bei ihren ersten Olympischen Spielen in Paris Silber mit dem Vierer gewinnen. „Das war ein extremes Erlebnis. Ich war 21 Jahre alt und total geflasht davon, Olympia als Athletin mitmachen zu dürfen. Die Medaille hat alles getoppt, ich war komplett reizüberflutet“, erinnert sie sich. Es brauchte die gesamte Saison 2025, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten und die Gedanken neu zu ordnen. „Ich hatte im vergangenen Jahr zwar noch Lust auf Sport, aber nicht darauf, richtig schnell zu fahren. Diese Leichtigkeit ist in dieser Saison wieder zurück und beflügelt mich“, sagt sie.
Dabei achtet die gebürtige Berlinerin sehr genau darauf, sich weder physisch noch mental zu überlasten. „Ich weiß, was mein Körper aushalten kann, und ich denke, dass bei mir noch mehr drin ist. Aber Lockerheit ist mir sehr wichtig. Ich bin von außen und von innen stärker geworden durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre und habe verstanden, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn man mal nicht gewinnt. Die Menschen, die einen lieben, machen ihre Liebe nicht von Ergebnissen abhängig“, sagt sie. Aus Fehlern zu lernen sei eine wichtige Erfahrung, die sie gemacht habe. „2024 hatte ich einen Bandscheibenvorfall, weil ich nicht auf die Signale meines Körpers gehört und weitertrainiert habe, obwohl die Schmerzen schon da waren. Danach haben wir das Training umgestellt und ich bin stärker zurückgekommen.“
Mit Lockerheit und Kampfgeist: Die WM-Hoffnungen des deutschen Ruderteams
Als sich das Gespräch in Richtung ihrer Erwartungen für die anstehende Ruder-Weltmeisterschaft wendet, sagt Frauke Hundeling einen Satz, der zunächst wie eine Binsenweisheit klingt, aber mehr über den Weg zu leistungssportlichem Erfolg aussagt, als es so manches Fachbuch vermag. „Das Leben geht weiter, egal, was in Amsterdam passiert“, sagt die 31-Jährige. Frauke Hundeling wird an diesem Dienstag, wenn zwischen 16.05 und 16.20 Uhr in Amsterdam die Vorläufe auf dem Programm stehen, im deutschen Doppelvierer sitzen. Dem Boot, das 2024 in Paris Bronze und damit neben Einer-Olympiasieger und WM-Topfavorit Oliver Zeidler (30/Frankfurter RG Germania) die einzige Medaille für den Deutschen Ruderverband (DRV) holte. Dem Boot, das bei einer WM stets mit dem Anspruch auf Edelmetall in den Wettbewerb geht.
Natürlich teilt Frauke Hundeling diesen Anspruch. Aber sie hat in den vergangenen Jahren so viel erlebt in ihrer Karriere, dass sie sich von Leistungsdruck nicht mehr vereinnahmen lässt und stattdessen auf eine Leichtigkeit setzt, die Erfolg nicht als einzig maßgeblichen Faktor definiert. „Ich habe so viele schöne Dinge in meinem Leben. Alles, was ich im Sport erlebe, empfinde ich als Privileg. Wir wollen eine Medaille, der Anspruch ist nicht, nur dabei zu sein, dafür arbeiten wir zu hart. Aber ich werde es genießen, wie auch immer es ausgeht“, sagt die Athletin vom Deutschen Ruder-Club Hannover, die vor neun Jahren ihr erstes und bislang einziges EM-Gold im Doppelvierer holte und im vergangenen Jahr mit Bronze von der WM in Shanghai (China) zurückkehrte.
In Paris 2024 war Frauke als Ersatzfrau nominiert
Vor zwei Jahren, als es in Paris zu Olympiabronze reichte, war Frauke Hundeling zwar dabei, aber nicht mittendrin. Als Ersatzfrau war sie nominiert, aber weil aus der Stammbesetzung niemand ausfiel, kam sie nur im Rennen der Ersatzleute zum Einsatz. „Ich wusste, dass das emotional hart werden würde für mich. Aber ich habe trotzdem vor Freude geheult, als die Mädels die Medaille geholt haben. Meine Rolle war die der Hauptunterstützerin, darin wollte ich mein Bestes geben. Ich wollte mir die Spiele nicht kaputtmachen lassen und 100 Prozent fürs Team da sein. Und ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte, denn ich hatte in Paris die Zeit meines Lebens“, sagt sie rückblickend. In einer Doku für die „Sportschau“ ist mehrfach zu sehen, wie sie ihre Rolle ausfüllte. „Ich habe mich niemals außen vor gefühlt, und ich glaube, dass dieser Teamgeist einer der Schlüssel für den Erfolg war.“
Zwei Jahre später scheint Teamgeist das Fundament zu sein, auf dem der DRV im Frauenbereich neue Erfolge aufbauen möchte. Bereits 2021 wurden die Bereiche Riemen und Skull am Bundesstützpunkt Berlin zusammengezogen. Anders als bei den Männern, wo Riemen (in Dortmund) und Skull (in Hamburg/Ratzeburg) getrennt arbeiten, hat die Zentralisierung bewirkt, dass sich die Frauen intensiver als ein Team verstehen, in dem es eine große Durchlässigkeit gibt. Sichtbares Zeichen davon ist der Zusammenschluss zu „Die Ruderinnen“, unter dem sich das gesamte Frauen-Nationalteam vermarktet. Frauke Hundeling ist ein Paradebeispiel für die neue Offenheit, denn sie tritt zusätzlich zum Skullboot Doppelvierer auch im Riemenboot Mixedachter an, dessen Finalrennen am Sonntag um 15.08 Uhr den WM-Abschluss bildet.
Für die Polizeibeamtin, die pro Jahr rund zwei Monate in Hannover im Streifendienst im Einsatz ist, ist das zwar eine Herausforderung, aber keine Hürde. „Ich habe schon in der U19 ein Jahr geriemt und war von 2019 bis 2021 fest im Achter. In anderen Ländern ist es viel gewöhnlicher, dass man zwischen Skull und Riemen wechselt. In Deutschland ist das noch die Ausnahme, aber wir brechen das im Frauenbereich gerade ziemlich auf. Bei der WM wird es einige Doppelstarterinnen geben“, sagt sie. Der größte sichtbare Unterschied ist, dass man im Skullbereich in jeder Hand ein Ruder führt. „Wenn man ein gutes Bootsgefühl hat und seine Power gut dosieren kann, ist die Umstellung auch innerhalb einer WM kein Problem“, sagt Frauke. Ihr Fokus liege allerdings ganz klar auf dem Doppelvierer. „Darauf verwende ich mindestens 95 Prozent meiner Trainingszeit. Der Mixedachter ist eine schöne Abwechslung, aber noch ist er nicht olympisch und deshalb eher ein Bonusrennen“, sagt sie.
„Wir wollen uns endlich für die harte Arbeit belohnen!“
Mit der Partie gegen Slowenien starten die deutschen Volleyballerinnen an diesem Samstag (15 Uhr MEZ) in Istanbul in die Vorrunde der Europameisterschaft. Für Stammzuspielerin Sarah Straube ist es das erste Kontinentalturnier. „Natürlich ist etwas Nervosität dabei, aber ich freue mich riesig auf die Herausforderung“, sagt die 24-Jährige, die nach der vergangenen Saison vom italienischen Erstligisten Omag-MT San Giovanni Marignano zu ihrem Herzensverein Dresdner SC zurückkehrte. Weitere Vorrundengegner sind Lettland (23. August, 16 Uhr), Ungarn (25. August, 16 Uhr), Gastgeber Türkei (26. August, 19 Uhr) und Polen (27. August, 16 Uhr). Die besten vier Teams der vier Gruppen erreichen das Achtelfinale, was auch für die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) das Minimalziel darstellt. Im DOSB-Interview spricht Sarah Straube darüber, wie sich die Mannschaft entwickelt hat und wie sie ihre Ziele erreichen kann.
DOSB: Sarah, ihr habt euch zehn Tage lang in Istanbul bei Eczacibasi, dem Verein eures Bundestrainers Giulio Bregoli, vorbereitet und konntet schon einmal die Atmosphäre aufsaugen. Welchen Stellenwert hat für dich eine EM in der volleyball-verrückten Türkei?
Sarah Straube: Das ist für uns alle ein herausragendes Highlight. Für mich ist es die erste EM, das ist immer etwas Besonderes. Aber das in der Türkei zu erleben, wo die Menschen volleyball-verrückt sind, ist einfach toll. Ich hoffe sehr, dass die Halle nicht nur im Spiel gegen die Türkinnen, sondern bei allen Partien voll sein wird. Im Gegensatz zur WM, wo es immer Teams gibt, die nicht auf europäischem Niveau spielen, ist eine EM sportlich sehr hochwertig, die Qualität ist in der Breite enorm. Deshalb freue ich mich sehr auf die Herausforderung.
Mit welchen Erwartungen startet ihr in diese EM? In der Vorrundengruppe sind Polen und die Türkei sicherlich favorisiert, aber was ist für euch möglich?
Im Vergleich zu den anderen Gruppen, in denen es nur ein Topteam gibt, haben wir mit den beiden Krachern Polen und Türkei eine echte Hammergruppe erwischt. Aber wir werden im Umkehrschluss nicht den Fehler machen und die anderen drei Gegner unterschätzen, nur weil sie nicht in der Nations League vertreten waren. Bei einer EM schlägt man niemanden einfach im Vorbeigehen. Aber ich mag es, wenn es keine vermeintlich leichten Gegnerinnen gibt, weil dann die Konzentration hoch ist und man immer auf hohem Level gefordert ist. Wir haben bewusst kein Ziel formuliert, sondern wollen, auch wenn es langweilig klingt, von Spiel zu Spiel schauen. Wir können gegen alle gewinnen, aber auch gegen alle verlieren. Umso gespannter bin ich, wie wir performen werden.
Ihr habt über den Sommer die kraftraubende Nations League gespielt. Wie schafft man es, über einen so langen Zeitraum die Form zu halten, und warum ist dieser Wettbewerb so wichtig?
Wie wir das schaffen, frage ich mich auch manchmal. Letztlich verdanken wir es unserem Trainer- und Funktionsteam, die ein Programm ausgearbeitet haben, das es ermöglicht, trotz der extremen Belastung ausreichend zu regenerieren. Und wir haben einen entsprechend breiten Kader, was eine unserer Stärken ist. Das Programm kann man natürlich nicht mit sieben Spielerinnen durchziehen. Die Nations League ist so wichtig, weil sie Spiele gegen die Besten der Welt ermöglicht, und eine bessere Vorbereitung auf die EM hätte es gar nicht geben können. Wir spielen bei der EM fünf Vorrundenspiele innerhalb von sechs Tagen. Diese Belastung haben wir in der Nations League geprobt.
Die Nations League bestand aus drei jeweils eine Woche langen Abschnitten, dazwischen immer eine Woche Pause, die ihr aber zumeist gemeinsam im Trainingszentrum in Kienbaum verbracht habt. Beschreibe doch bitte mal den Alltag einer deutschen Volleyball-Nationalspielerin im Sommer. Wie viele Nächte hast du zu Hause verbracht?
Die kann ich an zehn Fingern abzählen. Im besten Fall bekommt man nach der Vereinssaison zwei Wochen Urlaub, das hängt aber an der Terminierung der Nations League und dem Abschneiden des Vereins. Mit dem Start der Vorbereitung auf die Nations League bin ich über zwei Monate fast nur unterwegs. Wenn die Nations League beendet ist, beginnt die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt, den in diesem Jahr die EM darstellt. Und nach der EM bleiben in der Regel auch nur wenige Tage, bis die Saisonvorbereitung im Verein wieder startet.
Das klingt hart. Dafür siehst du als Nationalspielerin immerhin viel von der Welt…
…aber meist eben doch nur Flughafen, Hotel und Sporthalle. Zeit für kulturelle Unternehmungen bleibt in der Regel kaum. Man muss den Sport schon sehr lieben, um dieses Programm durchzuziehen. Aber genau das tun wir alle, es ist eine große Ehre und auch ein Vergnügen, zu diesem Kreis zu gehören und große Wettbewerbe spielen zu dürfen. Alles hat sein Für und Wider, aber trotz aller Belastungen möchte ich die Nationalmannschaft keinesfalls missen.
2024 habt ihr die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris knapp verpasst, bei der WM im vergangenen Jahr seid ihr im Achtelfinale am späteren Weltmeister Italien gescheitert. Welche Entwicklung hat die Mannschaft aus deiner Sicht über die vergangenen zwei Jahre seit der verpassten Paris-Quali genommen?
Wir sind als Team extrem gut zusammengewachsen. Es hilft uns sehr, dass wir nun schon im zweiten Jahr mit unserem Bundestrainer zusammenarbeiten. Es braucht immer Zeit, um ein eigenes Spielsystem zu entwickeln, und diese Zeit haben wir bekommen. Ich glaube, dass wir besonders in diesem Jahr wichtige Schritte gegangen sind. In der Nations League konnten wir das noch nicht ausreichend zeigen, da haben wir mit Platz zwölf unser Soll erfüllt, aber nichts Herausragendes geschafft. Aber wir drehen an vielen Stellschrauben, und ich hoffe, dass sich das nun bei der EM auszahlen wird.
Welche Entwicklungsschritte hast du als Zuspielerin in den vergangenen Jahren genommen? Was lernt man auf dieser Position mit zunehmender Erfahrung?
Insbesondere in der Ballkontrolle und Passsicherheit kommen die Fortschritte mit zunehmender Erfahrung, wenn man viele Situationen schon mehrfach erlebt hat. Mir hat es zum Beispiel sehr geholfen, im Sommer 2025 das komplette Nationalmannschaftsprogramm mitgemacht zu haben. Zuspiel hat viel mit Erfahrung zu tun, denn es geht nicht nur um die Qualität des Zuspiels, sondern auch um das Gefühl für die Angreiferinnen und für den Spielstand.
Wie kam es, dass du diese Position gewählt oder zugewiesen bekommen hast, und was reizt dich daran besonders?
Ich wurde ein wenig ins Zuspiel gedrängt, das soll aber überhaupt nicht negativ klingen, denn ich bin sehr dankbar dafür. In der Jugend war ich Angreiferin, aber der damalige Landestrainer in Sachsen hat mir den Rat gegeben, es als Zuspielerin zu versuchen, weil er der Meinung war, dass ich es auf der Position nicht nur in die Bundesliga, sondern sogar ins Nationalteam schaffen könnte. Da ich schon damals immer nach dem Maximum gestrebt habe, habe ich seiner Einschätzung blind vertraut – und kann heute sagen, dass es die absolut richtige Entscheidung war. Der Reiz an dieser Position ist für mich, dass ich viele Entscheidungen treffen kann und in sehr viele Spielzüge eingebunden bin. Als Zuspielerin hat man einen hohen Impact auf das Spiel. Krass finde ich, wie unterschiedlich die Spielstile sein können. Das ideale Zuspiel gibt es nicht.
Mit ganz viel Pioniergeist den Weg aus der Nische finden
Es gibt viele Wege, die Menschen zu der Sportart führen, die am besten zu ihnen passt. Doch der, den Minh Dam Hai gewählt hat, ist schon ein besonders verschlungener. Seit seiner Kindheit hatte der 32-Jährige Fußball gespielt, doch weil zunehmende Respektlosigkeiten und ein Mangel an Fair Play seine Leidenschaft für der Deutschen liebsten Sport abkühlen ließen, entschloss er sich im Jahr 2019, auf die Suche nach einem Ersatz zu gehen. „Mit ein paar Freunden habe ich dann auf Wikipedia die Liste der anerkannten Sportarten durchgeschaut und nach einer besonders exotischen gesucht, die zu mir passt und mit der ich möglichst schnell erfolgreich werden könnte. So bin ich beim Kin-Ball hängen geblieben“, erzählt er. Dass er sieben Jahre später nicht nur Nationalspieler, Trainer und Vereinsvorstand sein, sondern auch eine Europameisterschaft ausrichten würde, hätte er sich damals trotz allen Ehrgeizes kaum ausmalen können.
In der kommenden Woche ist es aber so weit. In der Erfurter Riethsporthalle kommen vom 26. bis 29. August die besten Teams des Kontinents zusammen, um ihre Meister zu ermitteln. Bei den Männern sind sieben Nationen am Start, fünf sind es bei den Frauen. Parallel dazu werden die International Open ausgetragen; ein europäischer Vereinswettbewerb, aufgeteilt in eine Amateur- und eine Profikategorie, bei dem insgesamt 26 Teams an den Start gehen, fünf davon aus Deutschland. Mehr als 300 Aktive kommen dadurch zusammen. Ein organisatorischer Aufwand, der für den als Ausrichter fungierenden lokalen Verein Erfurter Lachse mit seinen 60 Mitgliedern, dem Minh Dam Hai seit der Gründung im Frühjahr 2021 vorsteht, eine große Herausforderung darstellt. „Wir planen seit November 2025. Das Kern-Organisationsteam umfasst vier Leute, aber wir haben zum Glück viele Freiwillige, die uns helfen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, der im Hauptberuf als Vertriebler im Außendienst für einen Wärmepumpenhersteller arbeitet.
Kin-Ball wurde in den 1980er-Jahren in Kanada erfunden
Wer sich nun fragt, was Kin-Ball überhaupt ist, steht mit dieser Frage keineswegs allein da. Der Mitte der 1980er-Jahre in Kanada von Studenten erfundene Wettkampf, der weltweit von rund drei Millionen Menschen betrieben wird, ist in Deutschland das, was man als Paradebeispiel für einen Nischensport bezeichnen kann. Der 2019 gegründete Deutsche Kin-Ball Verband zählt aktuell knapp 400 Mitglieder, die sich auf 16 Vereine aufteilen. Es gibt zwar einen Bundesliga-Spielbetrieb, aber noch keine Landesverbände. Auf dem Deutschen Turnfest 2004 wurde Kin-Ball erstmals in Deutschland vorgestellt, vier Jahre später war Saarlouis erster – und bis zu dieser Woche einziger – deutscher EM-Ausrichter.
Was den Sport einzigartig macht: Es treten drei Mannschaften gleichzeitig auf einem rund 20-mal 20 Meter großen Spielfeld gegeneinander an. Vier Spieler*innen pro Team – auf Vereinsebene sind gemischte Mannschaften erlaubt, bei der EM wird nach Geschlechtern getrennt gespielt – müssen verhindern, dass der Ball den Boden berührt, wenn sie in der Verteidigung sind. Der Ball ist kein gewöhnlicher Ball, sondern hat einen Durchmesser von 1,22 Metern, weist aber dank einer von einer Nylonhülle überzogenen Latexblase gute Flugeigenschaften auf und wiegt nicht einmal ein Kilogramm.
Sport im Ganztag: Was Sportvereine jetzt wissen sollten
Seit dem 1. August 2026 ist bundesweit der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung in den Grundschulen in Kraft. Dieser Anspruch gilt zunächst nur für Kinder der ersten Klasse. Bis zum Schuljahr 2029/30 wird er auf alle Kinder der Klassen 1 bis 4 ausgeweitet.
Das bedeutet: Sehr viele Kinder verbringen in Zukunft noch mehr Zeit in der Schule. Nach Angaben des Familienministeriums werden schon heute rund 1,9 Millionen Kinder im Grundschulalter ganztägig entweder in einer Ganztagsschule oder einem Hort betreut. Die Inanspruchnahme liege damit bei 57 Prozent, sei aber regional sehr unterschiedlich.
Im Rahmen des Ganztags hat ein Kind einen Anspruch auf eine Betreuung von acht Stunden pro Tag, inklusive Unterricht. Also zum Beispiel eine Betreuungszeit von 8 bis 16 Uhr, in denen Schulen nun verpflichtet sind, Betreuungsangebote zu organisieren. Der eigentliche Unterricht umfasst dabei beispielsweise die Zeit von 8 bis 12 Uhr und die Betreuung außerhalb des Unterrichts die Zeit von 12 bis 16 Uhr.
Für Sportvereine eröffnet sich damit eine große Chance.
Denn Sportvereine können Kooperationen mit Grundschulen abschließen, um Kindern am Nachmittag im Ganztag eine hochwertige Betreuung durch sportliche Angebote zu bieten. Der Vorteil für Sportvereine besteht darin, dass sie nicht darauf warten müssen, dass Kinder den Weg zu ihnen in den Verein finden, sondern dass sie mit ihren Angeboten dahingehen können, wo die Kinder sowieso schon sind: in die Schule.
Gleichzeitig können Vereine die Angebote auch dazu nutzen, um Werbung zu machen für das Vereinsangebot außerhalb des Ganztags. Grundsätzlich können Sportvereine im Ganztag einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Kinder schon in einem frühen Alter für Sport und Bewegung zu begeistern. Das frühe Heranführen an den Sport erhöht erwiesenermaßen die Chancen, dass sie auch als Jugendliche und Erwachsene sportlich aktiv bleiben und ein insgesamt gesünderes Leben führen. Außerdem kann eine erfolgreiche Kooperation mit einer Schule auch einen Imagegewinn für den Sportverein bedeuten, wenn er als verlässlicher Partner im Bildungswesen wahrgenommen wird.
Um diese Chancen als Sportverein nutzen zu können, stellen sich ein paar wichtige Fragen: Wie kommt mein Verein eigentlich in den Ganztag? Was braucht es dazu und was müssen wir dabei beachten? Und wie werden die Angebote finanziert?
Diese FAQs geben einen Überblick über diese und weitere Fragen.
„Sport ist Bildung, er fördert die ganzheitliche Entwicklung“
DOSB: Warum hat der DFB im September 2025 das „Jahr der Schule“ ins Leben gerufen?
Prof. Dr. Silke Sinning: Wir benötigen einen höheren Stellenwert für Sport und Bewegung - insbesondere in der Schule. Nach Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten sich Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde am Tag moderat sportlich betätigen. Nicht einmal 30 Prozent erreichen diese Vorgabe. Laut Erhebung der Kaufmännischen Krankenkasse weisen 300.000 Menschen im Alter unter 18 Jahren motorische Entwicklungsstörungen auf, das ist ein Anstieg um mehr als 60 Prozent seit 2008. Wir müssen also dringend etwas tun. Darüber hinaus sorgt der gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung für veränderte Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund haben wir das Jahr der Schule als Schwerpunkt im DFB und seinen Landesverbänden gesetzt. Sport ist Bildung, er fördert die ganzheitliche Entwicklung. Er sollte daher nicht als Nebensache abgetan werden. Das haben viele andere Sportarten auch längst erkannt.
Welche Ziele verfolgt ihr mit der Initiative?
Das Jahr der Schule soll helfen, für das Thema zu sensibilisieren und Impulse zu setzen. Wir wissen, dass wir in einem Jahr nicht die Welt verändern können. Es wartet ein langer Weg. Den ersten Schritt haben wir gemacht. Wichtig ist dabei: Es geht uns nicht allein um Fußball, es geht generell darum, Kinder und Jugendliche an Schulen verstärkt in Bewegung und zum Sport zu bringen. Es ist auch keine Initiative mit erhobenem Zeigefinger. Wir wollen konstruktiver Partner der Schulen und der Länder sein. Ein wichtiger Schlüssel sind dabei unsere knapp 23.500 Fußballvereine.
Das Gesicht der Entwicklung der deutschen Hockey-Damen
Die Frage, warum sie diesen ganzen Aufwand noch immer auf sich nimmt, hat sich Lena Micheel schon das eine oder andere Mal gestellt. Seit Februar steckt sie sehr viel Energie in ihr Rechtsreferendariat, die ersten beiden Stationen an Hamburger Amtsgerichten hat sie hinter sich. „Es macht bislang sehr viel Spaß, die Themen holen mich ab“, sagt die 28-Jährige. Nach allem, was man so hört, ist ein Jurastudium mit anschließender praktischer Ausbildung anstrengender als ein Vollzeitjob in vielen anderen Branchen. Doch Zeit zum Ausruhen gibt es für Lena nicht, denn sie hat ein Hobby, das einen zweiten Hauptberuf ausfüllen würde, aber bei weitem nicht wie ein solcher vergütet wird. Sie ist Hockey-Nationalspielerin und in diesen Tagen mit den deutschen Damen in Belgien gefragt. Dort, in der Belfius Hockey Arena in Wavre, finden, in Co-Gastgeberschaft mit Amstelveen in den Niederlanden, die Feld-Weltmeisterschaften statt (siehe Infobox).
Und dieses Turnier ist ein Teil der Antwort auf die eingangs gestellte Frage. „Mir macht es einfach so viel Spaß, dass sich der Aufwand noch immer lohnt“, sagt die Mittelfeldspielerin, „es bedeutet mir alles, weiterhin bei der Nationalmannschaft sein zu können.“ Hockey, heißt es weithin oft, sei ein akademischer Sport, in dem die Besten früh aufhören, weil die Aufwandsentschädigung keine Rechnungen zahlt und der Übergang ins Berufsleben deshalb eher früher als später gelingen muss. Im Herrenbereich mag sich das mittlerweile ein Stück weit verändert haben, bei den Damen stimmt es in den meisten Fällen weiterhin. Auch deshalb ist Lena, die in Berlin aufwuchs und 2016 vom TuS Lichterfelde der besseren sportlichen Aussichten wegen zum Uhlenhorster HC in die Hockey-Hochburg Hamburg wechselte, mit ihren 28 Jahren neben Torhüterin Nathalie Kubalski (32/Düsseldorfer HC) die einzige Spielerin im Aufgebot von Bundestrainerin Janneke Schopman, die bereits vor acht Jahren im Kader für die WM in London stand.
Seit 2018 hat Lena jedes große Turnier gespielt
Weil die „Danas“, wie sich die deutschen Hockey-Damen nennen, seit 2018 eine erstaunliche Metamorphose durchlaufen haben, lohnt ein Gespräch mit der stets bedächtigen und reflektierten Kreativspielerin doppelt. Weil sie ihre Worte sorgfältig abzuwägen, gleichzeitig aber Prozesse klar zu benennen weiß. Und weil auch sie eine Wandlung erlebt hat, die beispielhaft dafür steht, wie lebensprägend Leistungssport sein kann. „Natürlich bin ich sehr stolz und dankbar dafür, dass ich seit 2018 jedes große Turnier spielen durfte“, sagt sie, „man nimmt das im Alltag manchmal gar nicht so wahr, aber wenn ich darüber nachdenke, dann kann ich von diesen Erfahrungen extrem zehren. Ich bin jetzt in der Lage, dass ich als erfahrene Spielerin einerseits Dinge weitergeben darf, aber auch die Chance bekomme, mich Neuem zu öffnen, und das bringt mir mit dem Team gerade sehr viel Spaß“, sagt sie.
Das war allerdings, so ehrlich möchte sie sein, nicht von Beginn an so. Nach den Olympischen Spielen 2024 in Paris gab es einen großen Umbruch im deutschen Damenteam. Bundestrainer Valentin Altenburg wurde durch die Niederländerin Schopman ersetzt, eine Reihe an Leistungsträgerinnen, mit denen Lena Micheel aufgewachsen war, erklärte ihr Karriereende. „Dass sich gewisse Personalien verändern würden, war abzusehen, aber dass es so krass werden würde, hat mich schon mitgenommen. Ich hatte Probleme, mich ganz offen in die neue Kampagne zu stürzen, und brauchte Zeit, bis ich Vertrauen in das Projekt geschöpft habe“, sagt Lena, die zudem auch noch innerhalb Hamburgs den Verein gewechselt hatte und auch beim Großflottbeker THGC einen Neustart wagte. Glücklicherweise sei sie auf eine Bundestrainerin getroffen, „die sehr offen war und mir diese Zeit gegeben hat. 2025 war ein toughes Jahr, aber ich bin froh, dass ich diesen Weg gehen konnte, denn das sehr junge, neue Team holt mich total ab“, sagt sie.
WM 2018 als Startschuss für die Abwärtskurve
Die Identitätsfindung eines Sportteams ist immer wieder ein herausfordernder, komplexer, aber auch intensiver und hochspannender Prozess. Lena Micheel erinnert sich an die WM 2018, als sie, damals 20 Jahre alt und im ersten Jahr im A-Kader, in die Gruppe hineinrutschte, die zu einem großen Teil noch aus den Spielerinnen bestand, die bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 Bronze und die bis dato letzte Olympiamedaille für das deutsche Damenhockey gewinnen konnten. „Ich war zwar noch nie schüchtern, aber mit meinen ganzen Idolen eine WM spielen zu dürfen, hat mich doch nachhaltig beeindruckt“, sagt sie rückblickend. Als Stürmerin, die sie davor und danach nie war, sollte sie „einfach mal machen“. Die Außenwirkung des Teams, das der Belgier Xavier Reckinger nach Rio übernommen hatte, um es auf die nächsten Spiele in Tokio vorzubereiten, habe sie kaum wahrgenommen. „Für mich war es unglaublich, neben Topstürmerinnen wie Marie Mävers, Lisa Altenburg und Charlotte Stapenhorst zu spielen, damit hatte ich genug zu tun“, sagt sie.
Dennoch ordnet Lena die WM 2018 als „Startschuss für die Abwärtskurve“ ein, in die das deutsche Damenhockey hineinschlitterte. „Dort ist das Problem mit den Do-or-die-Spielen entstanden, das uns irgendwie bis Paris 2024 begleitet hat“, sagt sie mit Blick auf das Viertelfinalaus gegen Spanien. In der Gruppenphase, die die Deutschen ohne Punktverlust absolvierten, hatte man die Ibererinnen noch souverän 3:1 bezwungen und damit die neu eingeführte Viertelfinalqualifikation vermieden. In der Runde der letzten acht spielte dann zwar nur eine Mannschaft, das einzige Tor jedoch schossen die Spanierinnen. „Uns war mindestens das Halbfinale zugetraut worden, und auch im Team selbst waren die Erwartungen hoch. Diese Niederlage war ein echter Niederschlag“, erinnert sie sich.











